Bewegung als Sinn oder Zweck – Teil2

Regelmäßige Bewegung und/oder Sport können vielen Gebrechen und Krankheiten zuverlässig vorbeugen oder Linderung bei diversen Problematiken bringen. Das ist längst kein Geheimnis mehr, die Studienlage ist eindeutig und für jeden einsehbar. Für Menschen, die Sport treiben und sich bewegen, können wir grob zwei Extreme konstruieren: Menschen, die in der körperlichen Betätigung einen eigentlichen Sinn sehen, denen die Aktivität also an sich wertvoll ist, ohne dass sie sie zur Erreichung eines bestimmten äußeren Zieles (Sixpack, Marathonteilnahme) ausführen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite Menschen, die sich mit ihrem Fitnesslifestyle, also ihrer Art, sich sportlich zu  betätigen, zu ernähren, kleiden und selbst darzustellen, in eine extra für sie hergestellte Konsumlandschaft einfügen.

Nun ist Bewegung zunächst einmal an sich gut, egal wie und warum sich bewegt wird. Wir können aber beobachten, dass es eher eine Seltenheit ist, dass Bewegung ohne Hintergedanken stattfindet. Dafür befindet sich die Fitnessindustrie in stetigem Wachstum – wir reden über einen aktuellen Umsatz von 4,7 Milliarden Euro (Statista, 2015).

Jeder, der regelmäßig Sport treibt und in seinen Körper hineinhören kann, bestätigt, dass sich das einfach gut anfühlt. Das ist eine subjektive Sichtweise, die durch objektive Studien zur Wirkung von Bewegung bei leichten bis mittelschweren Depressionen untermauert wird. Bewegung sorgt für ein positives Gefühl. Und um uns zu bewegen, brauchen wir, streng genommen, kaum Dinge. Wenn wir regelmäßig lange Spaziergänge unternehmen, brauchen wir nichts außer normale Kleidung. Gehen wir joggen, reicht eine leichte Hose, ein leichtes Shirt, ein passendes Paar Schuhe (oder wir wagen uns barfuß an kurze Laufstrecken heran). Schwimmen? Badehose. Wenn wir unsere Muskeln trainieren wollen, können wir sehr vieles mit unserem eigenen Körpergewicht erreichen, oder mit minimalen Hilfsmitteln (Gummibänder, Tubes, improvisierte Gewichte). Kurz: eigentlich müssen wir nicht viel konsumieren, um uns bewegen zu können.

Dennoch bewegt die Fitnessindustrie die Menschen immer und immer wieder und mehr dazu, neue Dinge zu kaufen. Das neueste Gerät zum Functional Training, die neuesten Laufschuhe (laufen müssen wir zwar noch selber, aber mit dem neuen Paar ist es ein revolutionäres Erlebnis). Immer wieder neue, schicke Kleidung. „Das liegt zum Teil daran, dass wir uns von der Masse der Werbebotschaften, der wir jeden Tag ausgesetzt sind, vereinnahmen lassen, wenn wir nicht aufpassen. Am Ende denken wir dann möglicherweise, dass Glück und Erfüllung durch ein Produkt oder eine Dienstleistung zu erlangen sind.“, schreibt John Strelecky in seinem kleinen Buch „Das Café am Rande der Welt“, das zum Nachdenken anregen kann. Wir denken, dass Glück und Erfüllung an einem Produkt oder einer Dienstleistung festzumachen sind und vergessen darüber, dass Produkte und Dienstleistungen lediglich Hilfsmittel für uns sein sollten, und dass im wahrsten Sinne des Wortes jeder seines Glückes Schmied ist.

Wir haben alles, was wir brauchen, um unseren Körper zu bewegen. Nämlich unseren Körper. Theoretisch können wir bei akzeptablem Wetter nackt joggen. Der sozialen Konvention wegen tragen wir Kleidung, oder um widrige Witterung abzuschwächen. Schwimmen: dito. Krafttraining: dito. Noch im alten Griechenland war es nicht unüblich, nackt Sport zu treiben. Ich will hier keine Lanze für Nudisten brechen, sondern damit überspitzt aufzeigen, dass es nur ein Minimum an wirklich notwendigen Dingen gibt, damit wir uns bewegen, damit wir Sport treiben können. Der ganze Rest ist Blendwerk. Jeder darf sich selbst fragen, warum er Blendwerk braucht. Schöne Kleidung, um Bestätigung zu bekommen? Selbstdarstellung in sozialen Medien, um Aufmerksamkeit zu erlangen? Oder einfach Dinge konsumieren, um die Leere des eigenen Lebens nicht zu spüren? Ich jedenfalls kenne so einige Menschen, die mehr Zeit und Mühe in die Auswahl des Outfits zum Sport und die Nachbereitung auf Instagram stecken, als in den Sport selbst.

Ganz entscheidend ist aber: warum fällt es uns so schwer, uns „einfach nur so“ zu bewegen – wo es doch so ein gutes Gefühl verursacht? Auch hier ist die Antwort individuell zu suchen, ich möchte nur einige Denkanstöße geben.

  • Hält uns die Tatsache, dass wir ständig online sind (stationär oder mobil) davon ab, unsere direkte Umwelt und nicht zuletzt uns selber richtig wahrzunehmen?
  • Denken wir, dass das Glück in den Händen anderer liegt und nicht in unseren eigenen?
  • Denken wir, für Gesundheit sei der Arzt zuständig und nicht wir selber?
  • Sind die körperlichen Idealbilder, die uns überall präsentiert werden, wirklich nötig, wirklich erstrebenswert, oder könnten wir etwas entspannter an das Thema Sport herangehen?
  • Muss alles, was ich tue, unter dem Diktat des Leistungsgedankens stehen?
  • Habe ich überhaupt Kontakt zu meinen Gedanken? Spüre ich meinen Körper? Denke ich bewusst, oder reagiere ich nur auf meine Umwelt?

Wir sehen, dass es ein gewisses Maß an Selbstreflektion braucht, um hier ein sensibilisiertes Bewusstsein zu entwickeln. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer angebracht ist, ist „Achtsamkeit“. Achtsamkeit? Das klingt so esoterisch? Ist es nicht, ganz im Gegenteil. Mehr dazu im nächsten Beitrag.

 

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