Bewegung als Sinn oder Zweck?

Sind Sport und Bewegung Sinn, oder sind sie Zweck? Dieser Frage möchte ich im heutigen Beitrag nachgehen.

Um die Differenzierung zu veranschaulichen, gebe ich zwei Beispiele.

Eine Freundin geht 5 mal pro Woche ins Fitnessstudio, um ihren Körper zu formen. Ihr körperliches Idealbild ist im Zusammenspiel von Peergroup, social media und klassischen Medien entstanden. „Strong is the new skinny“, und so trainiert sie für einen Sixpack und einen prallen, muskulösen Hintern. Ungefähr alle 2 Monate kauft sie sich ein neues Outfit fürs Studio, und ihre Erfolge hält sie auf Instagram fest. Sport und Bewegung sind für sie zwar sinnstiftend, haben aber primär keinen Sinn an sich. Durch den Fitnesslifestyle festigt sie ihr soziales Umfeld, definiert sie ihren Lebensstil und ihre Ernährungs- sowie Konsumgewohnheiten.

Ein Freund dagegen verabscheut jegliche organisierte sportliche Aktivität. Er geht viel spazieren, joggen, arbeitet im Garten und verbringt viel Zeit in der Natur. Einem optischen Idealbild wird er nicht gerecht, aber man sieht, dass er nicht nur im Büro sitzt. Wenn ich ihn frage, warum er nicht auch einmal andere Sportarten ausprobiert, antwortet er: das fühlt sich einfach nicht so gut an. Offenbar ist für ihn die Bewegung weniger ein Mittel zum Zweck, um ein sekundäres Ziel zu erreichen, als vielmehr etwas intrinisch wertvolles.

Regelmäßige und nicht zu extreme Bewegung hat vielfältige positive Auswirkungen auf die Gesundheit, wie auch Jörg Blech in seinem hervorragenden Buch „Die Heilkraft der Bewegung“ darstellt. Letztlich ist dabei erst einmal ziemlich egal, ob jemand sich im Fitnessstudio, im Freien, in der eigenen Wohnung, ob er sich gestylt, in löchrigen Klamotten oder nackt bewegt: Bewegung ist gut. Die Beweggründe dafür, sich zu bewegen, sind jedoch trotzdem nicht zu vernachlässigen.

Die Fitnessindustrie setzt in Deutschland immense Summen um. Das heißt, dass der Sporttreibende als potentieller Kunde und Konsument längst auf dem Radar aufgetaucht ist. Hier ergeben sich für den Konsumenten die selben Problemfelder, wie in jedem anderen Kosumsegment auch (Wo wird die schicke Fitnesskleidung, die ich trage, eigentlich hergestellt? (Wer) wird dafür ausgebeutet? Wie wirtschaftet das Unternehmen, dessen Artikel ich gekauft habe?). Der Fitnesslifestyle, dem viele inzwischen folgen, fordert also verantwortungsvolle Konsumentscheidungen. Darüber hinaus werden medial Körperideale produziert, die einen entspannten Umgang mit Sport erschweren. Hinter einem Körper, der aussieht wie der eines Athleten, steckt viel harte Arbeit. Wer kein Athlet ist und diesen Körper trotzdem reproduzieren will, muss umso mehr Arbeit in dieses Projekt stecken. Trainingsstress kann die Folge sein, sowie die zwanghafte Beschäftigung mit dem vermeintlich gesündesten Lebensstil, den besten Supplements, der cleansten Ernährung. Klingt das nach Glück? Ich meine, das klingt vielmehr nach einem weiteren Stressfaktor, bei dem das Karrieredenken des Managementklischees (wie kann ich wo am besten mehr Geld machen) durch das des Fitnessverrückten ersetzt wird (wie kann ich wo am besten Gains herbeiführen, Muskeln aufbauen, Fett abbauen, noch „more human“ werden, wie es ein bedenklicher Werbeslogan eines großen Sportartikelherstellers momentan propagiert).

In der Realität finden sich freilich nicht nur die beiden Extreme, wie ich sie oben dargestellt habe. Sport und Bewegung können beispielsweise individuell auch als reiner Zweck gesehen werden, um eine konkrete Krankheit oder Verletzung zu therapieren, ohne dass der Trainierende dem Ganzen einen intrinsischen Sinn gibt. Daran gibt es beim besten Willen nichts auszusetzen. Aber es ist immens schwierig, in einem beliebigen gesellschaftlichen Segment nicht zumindest auch als Konsument zu existieren. Wenn wir am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen, müssen wir uns in die vorhandenen Strukturen zu einem gewissen Grad einfügen. Konsumieren können wir aber nachhaltig oder rücksichtslos. Wie es dazu kommt, dass wir häufig rücksichtslos konsumieren und warum es häufig so schwer ist, einen unverkrampften Zugang zu Bewegung zu finden, werde ich im nächsten Beitrag beleuchten.

 

 

 

 

 

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