Essig mit dem Krampf, oder eine falsche Lehrmeinung

Vielleicht muss die gängige Lehrmeinung über die Entstehung von Krämpfen verworfen werden. Sie besagt, dass vor allem Elektrolytmangel (bei Krämpfen hilft angeblich Magnesium, hat jeder schon einmal gehört) oder Dehydration entscheidende Faktoren bei der Entstehung sind.

Die Studienlage lässt aber vermuten, dass es sich dabei vor allem um anekdotische Beobachtungen handelt. Hier zum Beispiel zeigt eine Studie unter Läufern der Ultra-Distanz (die exakte Angabe der Distanz fehlt), dass sich die Serum-Elektrolykonzentration und der Hydrationsstatus NICHT auf die Krampfneigung auswirken. Auch diese Studie schlägt in die selbe Kerbe.

Sind wir also alle einem großen Irrtum aufgesessen? Ja und nein. Ausreichende Versorgung mit Flüssigkeit und Mineralien sind selbstverständlich nicht unwichtig, bilden vielleicht eine gewisse Basis für körperliche Leistungsfähigkeit – sind aber kein Mittel zur THERAPIE von Krämpfen. Man kann also tatsächlich mit einiger Sicherheit sagen, dass die zahlreichen Supplements, die vor allem Magnesium enthalten und als Mittel gegen krampfende Muskeln vermarktet werden, Geldverschwendung sind.

Warum bekommen wir also statdessen Krämpfe??? In dieser Arbeit wird vermutet, dass es sich um ein Phänomen der veränderten neuromuskulären Kontrolle handeln könnte. Vereinfacht gesagt: je mehr ein Muskel beansprucht wird, desto müder wird er. Der müde Muskel wird dann von den Nerven weiterhin angesteuert, kann aber unter Umständen nicht mehr richtig locker lassen, und krampft. Man kann also auch von einem Phänomen der Übererregung sprechen. Biochemisch spielen bei dieser Übererregung Alpha-Motoneuronen eine Rolle sowie TRP-Kanäle. Hier gehe ich nicht ins Detail, in diesem Artikel werden aber einige tiefer gehende Zusammenhänge dargestellt.

Einige Forscher sind nun Geschichten nachgegangen, dass angeblich das Trinken kleiner Mengen von pickle juice (also der Flüssigkeit, in die Gewürzgurken eingelegt sind) Krämpfe sehr schnell lindert. Und siehe da: an der Geschichte ist tatsächlich etwas dran! Die Forscher vermuten, dass es einen neuronalen Reflexmechanismus gibt, der beim Trinken von pickle juice schon über den Mund- und Rachenraum hemmend auf die Aktivität von Alpha-Motoneuronen wirkt und schließen damit, dass weitere Forschung an der Thematik wünschenswert ist.

Aber warum zum Teufel pickle juice, fragt sich jetzt vermutlich der eine oder andere. Am wahrscheinlichsten ist die Wirkung durch den Essig zu erklären. Im oben schon verlinkten Artikel heißt es, dass auch in Cayenne-Pfeffer, Ingwer und Zimt Stoffe gefunden werden können, die TRP-Kanäle aktivieren und eine ähnliche Wirkung haben können.

Was heißt das also für den Hausgebrauch? Wer häufig von Krämpfen geplagt wird, könnte durch eine Essig-Routine Linderung erfahren? Vielleicht! Ich habe schon gehört, dass Essig (bzw Essigwasser) die eine oder andere positive Auswirkung auf den Körper haben soll (das alles komplett unwissenschaftlich), und dass es inzwischen sogar kulinarisch hochwertige Aperitiv-Essige gibt. Warum nicht einfach mal probieren, wenn der Leidensdruck groß ist?

Weiterhin tut jeder gut daran, die Muskelpartien, die häufig krampfen, regelmäßig zu dehnen.

Posted in Gesundheit
Tags: ,
3 Kommentare zu “Essig mit dem Krampf, oder eine falsche Lehrmeinung
  1. Christian sagt:

    Mg ist hier ein Mittel mit einem beeindruckenden Placebo-Effekt. Der subjektive Nutzen der Behandlung ist oftmals durchaus vorhanden – viele Pat berichten von deutlicher Besserung – nur hat das wohl wenig mit dem Mg zu tun. Es gibt auch randomisierte Studien zum Thema nächtl. Wadenkrämpfe mit dem gleichen Resultat: Die Patienten profitierten von der Behandlung egal ob es Placebo war oder nicht.
    Also muss es vielleicht gar nicht Essig sein…

    • Jost_Nowak sagt:

      Das ist interessant! Aber wäre es nicht noch besser, ein leicht verfügbares Mittel zu haben, was objektiv noch mehr Nutzen hat als einen stark ausgeprägten Placebo-Effekt? Außerdem ist die Frage, ob der Placebo-Effekt auch bei Selbstmedikation mit Mg genauso stark ausgeprägt ist, wie bei der Gabe durch Fachpersonal. Weißt du darüber etwas?

      • Christian sagt:

        Ich denke dass gerade bei Eigenmedikation der Placebo-Effekt eine wichtige Rolle spielt, gerade weil man sich dann mit der Heilung selbst beschäftigt und nicht einfach blind etwas macht was andere sagen.
        Ob es da Studien zu gibt weiß ich nicht.
        Aber ich glaube dass es kaum placebo-kontrollierte Essig-Studien geben wird – dafür ist der Geschmack und Geruch zu unverwechselbar. Und eine Studie Mg gegen Essig wäre zwar interessant aber den Placebo-Effekt kann man dabei nicht gleichsetzen – denn oft haben stark geschmacklich beeindruckende Medikamente auch einen höheren Placeboeffekt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*