Flüssignahrung und Ethik

Ich möchte in meinen Artikeln gar nicht zu tief auf die anscheinend immense Animosität der Anhänger verschiedener Ernährungsformen untereinander eingehen. Mir persönlich ist die Paleo-Ernährung relativ sympathisch, ohne dass ich sie deshalb dogmatisch befolgen muss.

Was ich bei meinen Kunden und Patienten jedoch nahezu durch die Bank feststelle ist, dass sie (selbst als Leistungssportler) deutlich zu wenig Eiweiß zu sich nehmen. Das liegt meiner Meinung nach zum einen an der gesellschaftlich etablierten, längst überholten Ernährungsform, die die DGE propagiert (basierend auf Kohlenhydraten). Zum anderen ist eine zielgerichtete, eiweißreiche Ernährung durchaus mit Organisationsaufwand verbunden .

Ich sehe mich der aus Italien stammenden Slow Food Bewegung nahe, die unter anderem handwerklich hergestellte, bewusst genossene Lebensmittel inklusive aller damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen in ihr Zentrum stellt. Dazu gehört, natürlich, auch die Ablehnung von Massentierhaltung in jeder ihrer Tierwürde verachtenden Formen.

Nun ist zumindest in der Theorie das Wissen in der Fitness- und Sportlandschaft vorhanden, dass eine hohe Eiweißaufnahme (wir reden hier in der Regel von 1,5 – 2g Eiweiß täglich pro kg Körpergewicht des Individuums) von großer Wichtigkeit ist. Der Weg dorthin löst aber, zumindest bei mir, häufig Kopfschütteln aus. Vor kurzem habe ich ein (an sich recht gutes) Buch über Functional Training von einem ehemaligen Angehörigen der US-Streitkräfte und jetzigen Trainer gelesen. Auch seine Ernährungsempfehlungen klangen in meinen Ohren recht schlüssig. Er empfahl eine eiweißreiche Ernährung, um dann sinngemäß hinterherzuschieben „das ist auch gar kein Kostenfaktor, Hühnerfleisch und Thunfisch sind hervorragende Eiweißquellen und extrem preisgünstig im Supermarkt zu haben“.

So. Nehmen wir etwas Distanz zum Gesagten ein und schauen wir uns die hiesige Supermarktlandschaft an. Tatsächlich ist dort Fleisch in allen Variationen zum Teil deutlich günstiger zu haben, als Gemüse oder Obst. Das Steak zum Spargel kostet weniger, als der Spargel selber. Ich weiß, dass der Mensch ein wahrer Meister darin ist, unangenehme Sachverhalte zu verdrängen – aber dass Menschen so etwas nicht kritisch hinterfragen, wundert mich doch immer wieder. Dass diese Dumpingpreise auf tierische Nahrung nur mit extremstem Leid, Würdelosigkeit, Umweltzerstörung (Beispiel Überfischung) und teilweise Subventionen zu erkaufen sind, ist zwar glasklar, wird aber vor der klinisch sauberen Fleischtheke und in Angesicht der mit idyllischen Bauernhöfen bedruckten Plastikverpackungen nicht sichtbar – und kann also wunderbar ignoriert werden.

Kurz: wenn ich Fleisch, Fisch oder Eier einkaufe, ist das keine billige Angelegenheit. Dafür unterstütze ich einen regionalen Bauernhof, der auch die männlichen Küken mit aufzieht, Rinder nach Demeter-Richtlinien hält und einen Ökokisten-Service anbietet, der auch ländliche Regionen mit guten Lebensmitteln versorgt. Täglich Huhn, Fisch oder sonstiges Fleisch stehen bei mir also nicht auf dem Speiseplan.

Dennoch möchte ich auf mein Eiweißpensum kommen. Möglichst ohne auf Soja, Getreide und Pseudogetreide oder zu viele Hülsenfrüchte zurückgreifen zu müssen. In meinen Augen ist ein (oder zwei) Eiweißshake am Tag ein guter und alltagstauglicher Weg dorthin. Ich bevorzuge Whey-Protein (also aus Molke hergestelltes). Molke ist ein Abfallprodukt der Käseherstellung, damit quasi Resteverwertung, und Whey-Protein hat eine exzellente biologische Wertigkeit. Ein Eiweißshake aus nicht-aromatisiertem oder gesüßten Proteinpulver und natürlichen weiteren Zutaten wie Obst ist eine einigermaßen natürliche Mahlzeit. Den nicht-Paleo-Faktor des Pulvers nehme ich zu Gunsten der Ethik gern in Kauf.

Im Englischen heißt es „ignorance is bliss“. Ich verzichte auf den seeligen Zustand der Ignoranz und nehme lieber meine ethische Verantwortung als Konsument ernst und wahr.

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