„Functional Training“ – nur ein Modebegriff?

Über die letzten Jahre ließ sich in der Fitnessbranche ein bedeutender Trend beobachten. Training bekommt heute immer häufiger den expliziten (Zusatz-)nutzen zugesprochen, funktional zu sein. Die Begriffe „Functional-„, „Funktionelles-“ oder „Core-“ training werden geradezu inflationär benutzt. Wovon genau ist hier aber die Rede?

Functional Training (FT) bezeichnet eine Trainingsmethode, die Wert darauf legt, den Sportler mit kompletten Bewegungen und Bewegungsabfolgen zu trainieren. Der Gegensatz wäre hier ein Training am Gerät im Fitnessstudio, bei dem lediglich eine isolierte Muskelgruppe angeprochen wird.

Core Training ist in der Trainingspraxis quasi gleichzusetzen mit FT, mit dem Unterschied, dass die Beanspruchung des „Core“ (engl. für Kern, Mitte) besonders hervorgehoben wird. Core – was ist das? Nun, streng genommen ist es nicht mehr, als ein neu klingender Begriff für die stabilisierende Rumpfmuskulatur des Menschen. Zu nennen sind hier insbesondere die verschiedenen Anteile der Bauchmuskulatur, die tief liegende Rückenmuskulatur, aber auch Zwerchfell und Beckenboden.

Ohne Frage sind mit dem FT hervorragende sportliche Fortschritte zu erzielen! Die Tatsache, dass bei Ganzkörperübungen sehr viele Muskelpartien gleichzeitig angesprochen werden, bedeutet einfach gesagt im Vergleich zu einem gerätegestützten Krafttraining mehr Effektivität in der selben Trainingszeit. Mit Effektivität meine ich hier nicht den reinen Zuwachs an Muskelmasse, sondern die Zunahme von Koordination zwischen den verschiedenen Muskelgruppen des Menschen, ein  besseres Gleichgewicht, eine stärkere Beanspruchung des Herz-Kreislaufsystems im Zuge des Trainings sowie den leichten Transfer von im Training gelernten Bewegungen in den Alltag.

Falsch ist es jetzt aber zu schlussfolgern, dass andere Trainingsformen zwangsläufig nicht funktionell sein können. Die Terminologie ist hier insofern irreführend, als dass FT als Begriff verwendet wird, der nur eine  Trainingsform beschreibt, an sich aber schon auch etwas über die Qualität des Trainings versucht auszusagen – denn funktionell ist sicherlich besser als dysfunktionell. Einige Beispiele zur Verdeutlichung:

  • Der Trainierende ist ein älterer Mensch, der sehr lange sportlich inaktiv war und sowohl einen sehr geringen Anteil an Muskelmasse hat, als auch wenig Bewegungskompetenz vorweisen kann. Hier wäre das FT unter Umständen kaum funktionell, weil es schlicht und ergreifend zu komplex und intensiv ist. Ein klassisches Gerätetraining dagegen kann äußerst funktionell sein, und zwar insofern, dass hierbei auf einfachste Weise und mit dem geringsten Risiko eine Grundlage für den Trainierenden geschaffen werden kann, auf der dann mittelfristig freilich auch komplexere Trainingsformen aufbauen können.
  • Der Trainierende bevorzugt ein Training mit schweren Gewichten (wobei schwer natürlich immer in Relation zur Konstitution des Trainierenden zu setzen ist) und konzentriert sich zum Beispiel auf Übungen wie Bankdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben mit schwerem Zusatzgewicht. Während einige Verfechter des FT ein Training mit schwerem Zusatzgewicht fast schon verteufeln, wird hierbei oft übersehen, dass es einige Vorteile gibt, die nur mit dieser Trainingsform zu erreichen sind. Als wichtigstes Beispiel möchte ich hier die Zunahme der Knochendichte nennen, die durch ein Training mit schweren Gewichten deutlich höher ausfällt als ohne. Dadurch ist diese Trainingsform besonders zur Vorbeugung von Osteoporose geeignet. Gleichzeitig herrscht wohl bei Frauen mittleren Alters die höchste Abneigung gegen dieses Training, was sehr schade ist und auch der Tatsache geschuldet, dass die Trainer den Sachverhalt nicht korrekt und überzeugend kommunizieren.
  • Der Trainierende mag Yoga. Yoga? Das ist doch das, wo die Frauen immer hingehen und sich verbiegen, oder? Weit gefehlt… Eine Yogapraxis, die gut angeleitet stattfindet und tatsächlich regelmäßig erfolgt, ist hoch funktional und für Männer genauso gut wie für Frauen. Das System des körperlichen Yoga ist uralt und extrem gut durchdacht. Nicht von ungefähr kommt es, dass einige der Asanas (Yoga-Haltungen) eins zu eins ins FT und Core Training übernommen wurden.

Wir sehen also schnell, dass ein Training nicht „funktionell“ heißen muss, um funktionell zu sein.

Alles in allem begrüße ich die Entwicklung hin zum FT. Durch diverse Zusatzgeräte wie Kettlebells, instabile Unterlagen oder Slingtrainer lässt sich ein Training sehr abwechslungsreich und durchdacht gestalten. Training soll Spaß machen. FT kann Spaß machen. Punkt. Für Menschen mit einer guten körperlichen Ausgangslage ist es eine gute und sinnvolle Option. Immer vorausgesetzt ist natürlich eine gute Betreuung und Anleitung – zum Beispiel durch mich.

 

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