Gedanken zu Yoga, Teil 3: Liebes-Nazis

Die Welt ist voller Sachverhalte, die auf den ersten Blick (und häufig auch den zweiten und dritten) irgendwie unstimmig sind. „Irgendwas stimmt hier doch nicht“, oder ähnliches, denkt man sich dann. Während viele Personen mit der Fähigkeit gesegnet sind, diese Unstimmigkeiten unstimmig sein zu lassen, fühle ich mich zuweilen gezwungen, so lange nachzudenken, bis ich eine für mich schlüssige Erklärung gefunden habe. So auch vor kurzem: ich liebe meine Yogapraxis, auch wenn ich sie nicht mehr so häufig pflege wie noch vor einigen Monaten. So fand ich mich also wieder einmal in einer Yogastunde. Ich schätze den Lehrer, ich mag die Atmosphäre – aber irgendwas war komisch. Das Gefühl begleitete mich auch in den folgenden Tagen weiterhin.

Während ich einige Zeit später ein Akupunkturkonzept für einen meiner Patienten erarbeitete, musste ich die Patientenakte beiseite legen. Plötzlich hatte ich den Ansatzpunkt, nach dem ich gesucht habe.

In der Terminologie der traditionell chinesischen Medizin spielt das Konzept von yin und yang eine zentrale Rolle. Yin, das ist das nach innen gerichtete, die ruhige, passive, speichernde, aufnehmende und umfassende Energie. Yang ist dagegen das nach außen gerichtete, schöpferische, aktive, dynamische Prinzip. Yin und yang stehen in konstanter Bewegung zueinander, nichts und niemand ist nur yin oder yang. Gesundheit, so die Sicht der TCM, korreliert mit einem Gleichgewicht und reibungslosen Fließen zwischen yin und yang. Gerät dieses Gleichgewicht außer Kontrolle, versucht der Körper Mechanismen zu finden, es wieder herzustellen (das kann Krankheit —> Heilung sein oder auch eine psychische Reaktion).

Jemand der täglich 12 Stunden arbeitet, gestresst ist, nebenbei noch auf einen Ironman hin trainiert und nur 5 Stunden pro Nacht schläft, läuft Gefahr, sein yin zu erschöpfen. In der Alltagssprache: er ist platt, ausgebrannt. Das ist leicht nachzuvollziehen. Ein solcher Mensch trägt einen immens großen Gewinn davon, wenn er zum Beispiel beginnt, regelmäßig zu meditieren, Yoga zu treiben und so weiter. Längst erforscht und bewiesen.

Jemand, der sehr viel meditiert, ohnehin ein (im positiven Sinne) Leben ohne große Höhen und Tiefen hat, lediglich entspannten Sport treibt und auch sonst nicht aus seiner Komfortzone rücken muss ? Na klar, der erschöpft unter Umständen sein yang. Aha! Der Körper merkt das natürlich, wie gesagt.

In der „Yogaszene“ (ich werfe das alles, auch wenn es nicht korrekt ist, für diese Zeilen in einen Topf) ist es verpönt, aggressiv zu sein. Denn alles ist Liebe. Zwischen Namaste und veganen Cookies nach der Yogastunde wäre zwar noch Zeit, das zu reflektieren. Aber auch das ist menschlich: irgendwann ist der Tellerrand zwar noch erreichbar, aber man fühlt sich wohl in seiner eigenen Suppe. Da der Mensch per se (und ja, auch Frauen, wenn vielleicht auch nicht so sehr wie Männer) ein aggressives Wesen ist, muss diese Kraft dennoch ein Ventil finden. Schaut mal in die Gesichter in eurer Yoga-Stunde. Wie viele davon sind verbissen, irgendwie unglücklich? Trotz Weltverbesserer-Veganismus, Meditation und Versenkung ins Herz-Chakra? Die unterdrückte Aggression zeigt sich dann im ersten Schritt in der Auseinandersetzung mit anders denkenden: wie kann man nur NICHT vegan leben??? Waaas, du schaust später noch den Boxkampf? Das ist ja soooo primitiv. Solange das passiert, herrscht aber noch ein Diskurs. Das wirkliche Drama erleben wir im zweiten Schritt: die eigene Lebensweise wird dermaßen überhöht, dass anders denkende und seiende nur noch mit sanftem Mitleid betrachtet werden: die sind halt noch nicht so weit – aber das wird schon noch werden! Kein Diskurs mehr, nur noch seliges Herabblicken von der eigenen rosa Wolke. Ich nenne solche Menschen Liebes-Nazis.

Ich glaube sehr wohl, dass es Personen gibt, die durch Meditation oder wodurch auch immer zu beeindruckenden Bewusstseinszuständen gelangen. Die Liebes-Nazis sind es aber in der Regel nicht. Ein Teil der Yoga-Praktizierenden spürt einfach, dass etwas fehlt. Hilfreicher als der Blick nach oben wäre da der Blick nach innen! Mal zum Krav Maga statt ins Yogastudio – und danach todesmutig ein Steak. Oder mal Black Metal zum Yoga und mitschreien!

Alles ist Liebe… also letzten Endes auch… Hass, Leid und Schmerz?

 

 

 

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