Höhlenweisheit (1): Achtsamkeit

Grasland, so weit das Auge reicht. Hüfthohe Gräser, fremdartige Bäume und Farne, in der Ferne eine Herde Mammuts. Unser Blick schweift umher, findet auf einem großen Gesteinsbrocken eine Gestalt. Wir schauen etwas genauer hin, es ist ein Höhlenmensch… aber was macht er da? Sitzt mit überkreuzten Beinen da… ist das der Lotossitz? Ja tatsächlich, er faltet die Hände vor seinem Herzchakra, wir hören ein leises „Ommmm“.

Diese Szene wird sich vermutlich nie abgespielt haben. Wenn uns Begriffe wie „Achtsamkeit“ oder „Bewusstheit“ begegnen, verbinden wir sie häufig mit esoterischen Lehren, Praktiken, oder eben mit vor langer Zeit entstandenen Systemen zur Entwicklung von Körper und Geist wie Yoga. Der Boom solcher Strömungen in der modernen Zeit spricht dafür, dass den Menschen etwas fehlt, was sie dann dort suchen. Schweigeseminare boomen, Floating-Tanks verbreiten sich immer mehr, und je mehr irgendetwas das seelische und körperliche Gleichgewicht verspricht, umso größer sind auch die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten dafür. Viele von uns haben das Gefühl, dass irgendetwas fehlt, ohne zu wissen, was es eigentlich ist. Die Suche nach der Wiedervervollständigung kann ins Yogastudio, in die Kirche, eine Sekte, oder in den Drogenmissbrauch führen.

Ist es möglich, dass wir vom Höhlenmenschen in uns etwas darüber lernen können, was es genau ist, was uns fehlt – und vielleicht sogar, wie wir es wiedererlangen können?

Achtsamkeit… das klingt esoterischer, als es ist. Achtsamkeit ist auch der Akt, einen Moment bewusst wahrzunehmen. Das wird uns in der heutigen Zeit nicht gerade leicht gemacht. Oftmals sind unsere Gedanken nicht im Moment, sondern beim nächsten Termin, dem Chat auf dem Smartphone oder einer der zahlreichen anderen Ablenkungen, die vor allem in den Städten omnipräsent sind. In anderen Worten: die Gedanken sind in der Zukunft. Oder wir hängen Gedanken an die Vergangenheit nach, trauern nicht genutzten Chancen hiterher, denken vielleicht daran, dass „früher alles besser“ war.

Durch die Tatsache, dass der Körper, in dem wir Leben, nur im Hier und Jetzt existieren kann, unser Geist sich aber in jede Zeit, vergangen oder zukünftig, phantasieren kann, verlieren wir sozusagen den Kontakt zu uns selbst. Das ist körperlich im schlimmsten Fall in einer psychosomatischen Erkrankung spürbar, die auf Angst vor der Zukunft oder Verarbeiten der Vergangenheit beruht. Der sieche Körper ist dann nur noch das Gefäß, was unter den Aktionen des Geistes leidet. Aber auch ohne pathologische Ausprägungen spüren wir, wie schwer es uns fällt, ruhig zu sein, nicht an gestern oder morgen zu denken und nur den Moment wahrzunehmen, wenn wir uns einmal hinsetzen, die Augen schließen und versuchen, nichts zu denken. Wenn man es nicht gewohnt ist, ist das oft unangenehm, ja geradezu unmöglich.

Ein Höhlenmensch hatte diese Probleme zum großen Teil vermutlich nicht. Zum einen waren die objektiven, kulturell und sozial geschaffenen Ablenkungen natürlich überwiegend noch nicht existent. Zum anderen war das Überleben des Individuums oder der Gruppe davon abhängig, ob der Moment wahrgenommen wird. Der urzeitliche Jäger, der daran denkt, welches Auto er sich als nächstes kaufen soll, wird sehr wahrscheinlich vom Säbelzahntiger überrascht. Der Sammler, der die Natur, respektive das Wetter nicht im Blick behält, weil er sich über die letzte Niederlage seiner Lieblings-Fußballmannschaft ärgert, bringt sich und seine Gruppe in Gefahr. Das heißt, Achtsamkeit war hier Notwendigkeit, ja vielleicht sogar Zwang.

In der modernen, wirtschaftlich geprägten Welt ist uns das verloren gegangen. Für das Überleben ist es nun zumeist nicht mehr nötig, seine natürliche Umwelt bewusst wahrzunehmen. Sicherlich, den Straßenverkehr sollte man im Auge behalten, aber es ist wichtiger, sich in die Struktur der jeweiligen Erwerbsarbeit einzufügen und dort die Arbeitsumwelt korrekt zu deuten, als das Wetter oder die uns umgebende Flora und Fauna. Wir leben nun einmal nicht mehr in der Steinzeit, und vielleicht möchten wir das auch gar nicht wirklich. Aber wir können uns am Höhlenmenschen in unserem Kopf orientieren, um die positiven Dinge des Steinzeitlebens zu emulieren. Wir können, so oft es geht, aus der Stadt hinaus in die Natur fahren, um einmal tief durchzuatmen. Jeder Campingausflug verbindet uns ein kleines Stück mit unseren Ursprüngen. Aber auch ein Spaziergang, bei dem wir bewusst unsere Umgebung betrachten, bietet einen Kontrapunkt zum hektischen Leben der Stadt.

Was wir wahrnehmen, ist Übungs- und Gewohnheitssache. Je öfter wir also versuchen, uns aktiv auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, desto leichter wird es uns fallen. Geübt werden kann das nicht nur im Umgang mit der Natur, sondern, in Anlehnung an Zen-buddhistische Ideen, bei der aufmerksamen Ausführung jeder beliebigen Tätigkeit – also auch bei der Hausarbeit, dem Zubereiten von Lebensmitteln und so weiter.

Der kluge Höhlenmensch rät:

  • Mach dir nicht zu viel Stress
  • Hast du Stress, versuche dich von außen zu beobachten wie eine andere Person. Bewerte dann, von einem neutralen Standpunkt aus, was am besten gegen den Stress zu tun ist
  • Fühlst du dich körperlich oder psychisch beengt, suche die Weite der Natur
  • Suche regelmäßig deine ganz persönliche Verbindung zur Natur – und damit zu deinem eigenen Ursprung
  • Versuche jeden Tag, etwas „ganz bewusst“ zu tun, so dass in diesem Moment nichts anderes eine Rolle spielt

 

 

 

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