Höhlenweisheit (2): Neugierde

Ich möchte, dass du jetzt an deinen Freundes- und Bekanntenkreis denkst. Wie viele Menschen kommen dir in den Sinn, die du als neugierig, als hungrig nach neuem Wissen und neuen Erfahrungen bezeichnen würdest? Denke jetzt an alle Menschen, die bereits im Berufsleben stehen und stelle die Frage noch einmal. Ich kann nur von mir selber sprechen – aber viele sind es nicht, die mir da in den Sinn kommen. Stattdessen habe ich manchmal den Eindruck, dass schon in jungen Jahren der Horizont begrenzt, Neugierde und Wissensdrang abgestumpft sind. Diese (nicht wissenschaftliche) Beobachtung möchte ich heute etwas näher beleuchten.

Wir planen, sammeln Qualifikationen, versuchen, unserem Leben immer den letzten Schliff zu geben, damit es noch ein bisschen mehr glänzt (auch weil wir unser Leben immer mehr präsentieren, zum Beispiel in sozialen Netzwerken). Schon im Vorschulalter ist der Tag oft durchgeplant, spätestens aber mit Beginn der Schulzeit beginnt auch der „Ernst des Lebens“ – und die Strukturierung nimmt ab jetzt kein Ende mehr (Schule –> Ausbildung/Studium –> Arbeit). Zusätzlich dazu wird uns immer wieder vor Augen gehalten, dass es keine (berufliche) Sicherheit mehr gibt, dass wir uns immer und immer wieder verbessern müssen, um unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten. Das kann zu einer paradoxen Reaktion führen: der Zwang, ein Leben lang „dazu lernen zu müssen“, stumpft uns ab. Das ist nicht unverständlich. Wer glaubt, dass es eine Lebensaufgabe ist, in einer unsicheren Welt einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, ist froh, wenn er das erreicht, und tut vieles dafür, diesen status quo zu erhalten. Die Struktur des eigenen Lebens, sowohl temporal, als auch semantisch, dreht sich um Erlangen und Erhalt der Erwerbstätigkeit. Dazu kommt, dass wir auch in anderen Lebensbereichen immer mehr das Gefühl bekommen, dass es möglich ist, alles optimal zu planen – ja dass es nicht nur möglich, sondern nötig ist. Auch und gerade in der Paleo-Szene (oder ähnlichen alternativen Bewegungen) ist die Gefahr groß, dass Bewusstsein für Fitness, Ernährung und Lebensstil in selbstgemachtem Zwang gipfelt und fundamentalistische Strukturen schafft.

Was wir dabei gern vergessen: Leben ist auch das, was sich außerhalb der Strukturen abspielt. Jede Sicherheit, die wir uns mit selbst geschaffenen Strukturen schaffen, oder die für uns mit bereits geschaffenen Strukturen geschaffen wird, kann nur eine unvollständige Sicherheit sein. Das Leben als Ganzes ist weder planbar noch sicher. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir noch nicht einmal, was „das Leben“ eigentlich ist.

Wir können uns fragen, wie es eigentlich Jäger und Sammlerpopulationen gehandhabt haben. Starre Strukturen im Leben? Keine Strukturen? Sehr wahrscheinlich findet sich die Antwort irgendwo in der Mitte. Strukturen waren und sind, früher wie heute, ein probates Mittel, um strategisch etwas zu erreichen. Früher war das der Fortbestand der eigenen Gruppe, indem Arbeit geteilt, zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Jagd gegangen wurde, wohl auch durch starke Hierarchie innerhalb der Gruppe. Viele Faktoren blieben aber weiterhin unsicher, waren nicht exakt planbar (das Wetter, Anzahl und Art der Beute und so weiter). Eine feste Struktur hat also auf der einen Seite die Mühe unnötig gemacht, ständig viel Energie in grundlegende Entscheidungsfindungen zu stecken, auf der anderen Seite aber viel Raum gelassen, um flexibel auf unerwartete Ereignisse zu reagieren. Viele Elemente der natürlichen Umgebung waren auch noch unbekannt – derjenige, der neues entdeckte, hatte unter Umständen einen gewaltigen Vorteil (der Jäger oder Sammler, der den ersten Bienenstock in der Geschichte der Menschheit erbeutete, hat sich und seiner Gruppe damit einen gewaltigen Überlebensvorteil durch eine gewaltige Menge nährstoffhaltigen Essens verschafft – und gleichzeitig wohl auch gewaltige Schmerzen).

Wir haben uns aber eine Welt geschaffen, in der Offenheit für Neues und Neugierde nicht mehr unbedingt hilfreich sind, um zu überleben. Es reicht, das zu tun, was gesellschaftlich tradiert ist, um vielleicht ganz gut durchs Leben zu kommen – ohne große Höhen und Tiefen. Schon in der Schule lernen wir, in den vorherrschenden Strukturen zu denken und zu handeln. Wer querdenkt, wird oft sogar bestraft (in Form von schlechten Noten). Wenn wir ein Alter erreichen, in dem wir besser reflektieren können, kostet es uns Mühe, diese Strukturen wieder zu verlassen.

Aus unserer Geschichte konnten wir aber auch lernen, dass entscheidende Erkenntnisse, Durchbrüche, Revolutionen häufig von Menschen ausgehen, die sich bestimmte Charakterzüge bewahrt haben: Neugierde, Wissensdrang, und auch Zweifel.

Der kluge Höhlenmensch rät:

  • Beschäftige dich regelmäßig mit einem Thema, was dich interessiert oder dir Spaß macht, dir aber ansonsten keinen erkennbaren Nutzen bietet. Dir fällt kein Thema ein? Dann sollte es dein erster Schritt sein, das herauszufinden.
  • Hinterfrage eingespielte Handlungsweisen – frage dich, ob du etwas nur aus Gewohnheit tust, oder weil du es wirklich so tun willst.
  • Zweifle regelmäßig etwas an, was dir eine Autorität weismachen will. Zum Beispiel etwas, was mit Ernährung, Gesundheit oder Sport zu tun hat. Recherchiere dann gewissenhaft so lange, bis du weißt, warum das, was du angezweifelt hast, richtig oder falsch ist.
  • Iss etwas neues, exotisches. Hauptsache, du hast es vorher noch nie gegessen
  • Nimm dir für einen festen Zeitraum vor, an jedem Wochenende in deiner Stadt/ deiner Gegend einen Ort zu besuchen, an dem du noch nie warst.

 

 

 

 

 

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