Höhlenweisheit (3): Faulheit

„Weiter, immer weiter“, forderte schon Torwart-Titan Oliver Kahn, der in manchen Spielsituationen ja das Bild eines veritablen Höhlenmenschen vermittelte, somit quasi Paleo-konform ist. Während dieses Motto aus der Perspektive eines Leistungssportlers noch Sinn machen kann, ist es auf den Alltag übertragen mit Vorsicht und Skepsis zu betrachten.

Wenn es um den Begriff eines ausgeglichenen Lebens geht, bemühe ich häufig die Sichtweise der traditionell chinesischen Medizin, weil sie mir geläufig ist. Yin und Yang sind den meisten Menschen zumindest ein abstrakter Begriff und stellen in der philosophischen Weltsicht der Chinesen das Prinzip der Ausgeglichenheit und der Wandlung dar. Dieses Prinzip findet sich in den Zyklen von Tag und Nacht, Einatmen und Ausatmen, dem Jahreszeitenzyklus und auch im Menschen selber. Yin kann als das Ruhende, Passive, Yang als das dynamische, aktive angesehen werden. Der Mensch befindet sich in Harmonie und Gleichgewicht, wenn beides ungefähr ausgewogen ist. Entsteht über kurze oder lange Zeit ein grobes Ungleichgewicht, kann eine Pathologie entstehen.

Es braucht nicht viele Gedanken um festzustellen, dass die Welt, in der wir leben, auch zumeist von einem „weiter, immer weiter“ angetrieben wird. Zufriedenheit wird oftmals an die erfolgreiche Integration in die Erwerbstätigkeit gekoppelt, und dieses System wiederum geht explizit wie implizit von stetigem Wachstum aus – weiter, immer weiter eben. Zusammen mit anderen Faktoren führt das beim Einzelnen leider oft zu einer Art von Dauerstress, für die der Mensch nicht gemacht ist. Es ist nie genug, darum gibt es auch nie einen Grund, locker zu lassen. Der Ruhepol im Leben fehlt. In einer Gesellschaft, die nicht unwesentlich von einer protestantischen Arbeitsethik geprägt wurde, ist Müßiggang, Entspannung, ja Faulheit geradezu verwerflich.

Werfen wir einen Blick auf das vermutete Leben eines Jägers und Sammlers. Nur zur Erinnerung: wir wollen nicht sein, wie ein Jäger und Sammler – aber wir wollen schauen, was wir von ihm lernen können, um unser Leben zu bereichern. Unserem imaginären Höhlenmenschen blieb nicht viel anderes übrig, als im Einklang mit seiner natürlichen Umwelt zu leben. Es ist zu vermuten, dass es auf der Jagd immer mal wieder zu lebensgefährlichen Situationen kam (also zu einer akuten Stresssituation). Diese waren allerdings nur von einer vergleichsweise kurzen Dauer, und im Gegenzug hatte die Sippe, sofern Nahrung und ein guter Lagerplatz vorhanden waren, wohl auch immer mal wieder längere Phasen, in denen Entspannung angesagt war. Vielleicht wurde diese Zeit genutzt, um die Sozialbeziehungen zu pflegen, Kleidung zu produzieren, oder einfach, um gedankenverloren die Wolken vorbeiziehen zu sehen (welche Gedanken das waren, lässt sich natürlich schlecht sagen). Kurz: es war ein Leben, was von vielen Unsicherheiten geprägt war, aber was einem Zyklus von Anspannung und Entspannung mal mehr, mal weniger entsprach. Vielleicht kann man sogar sagen, dass die „Arbeit“ (Jagd, Nahrungssammlung, Lagerplatz sichern) den Zweck erfüllte, die Zeit abseits der Arbeit möglichst angenehm zu gestalten und möglichst lange auszubauen. Arbeit als Notwendigkeit, als Mittel zum Zweck der Freizeit.

Es ist augenscheinlich so, dass wir das in der heutigen Zeit teilweise umgekehrt haben. Die Arbeit nimmt einen Großteil des Tages ein, einen Großteil der geistigen und sozialen Kapazitäten, und ich habe in meiner Tätigkeit als Therapeut sehr sehr häufig mit Menschen zu tun, die auf irgendeine Weise darunter leiden. Dauerstress mit unliebsamen Kollegen, Überforderung, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen… das alles kann zu vielfältigen Leiden führen. Die Freizeit dient häufig nur noch als Zeit, in der sich das Individuum von Arbeitszyklus zu Arbeitszyklus einigermaßen versucht zu erholen, während gleichzeitig Sozialkontakte gepflegt werden sollen, Familie versorgt werden möchte oder ähnliches. Es mangelt an wirklichen Momenten der Ruhe und der Besinnung. Um das zu erleben, kann man inzwischen Schweigeseminare in Klöstern buchen, Stunden im Floating-Tank oder vielfältige sonstige Retreats. All das sind Symptome dafür, dass wir kaum noch in der Lage sind, unser Leben und den Dauerdruck, unter dem wir stehen, zu reflektieren und „Nein!“ zu sagen, wenn es zu viel für uns wird. Muss das sein?

Der kluge Höhlenmensch rät:

  • Suche dir einen festen Zeitpunkt in der Woche, in der du komplett in Ruhe machen kannst, was du möchtest. Sei in dieser Zeit auch nicht per Smartphone oder email erreichbar.
  • Integriere eine Form der Meditation in dein Leben. Der Nutzen ist kaum zu überschätzen.
  • Du stehst in der Arbeit unter Dauerstress und weißt nicht, was du tun sollst? Frage dich, ob du hier etwas ändern kannst, um es angenehmer zu gestalten. Wenn nicht, frage dich, ob du es dennoch aushalten kannst/willst, oder ob du lieber das Umfeld (die Arbeit) wechselst. Sei mutig! Suche hierfür Hilfe von einem Menschen, dem du vertrauen kannst.
  • Finde deinen ganz persönlichen Bezug zur Natur und kultiviere ihn regelmäßig.
  • Habe Mut, auch einmal faul zu sein, wenn du zuvor aktiv warst!

 

 

 

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