Höhlenweisheit (4): Aggression

„Aggression ist ein in Tieren (einschließlich Menschen) verankertes, biologisch fundiertes Verhaltensmuster zur Verteidigung und Gewinnung von Ressourcen sowie zur Bewältigung potenziell gefährlicher Situationen“ (Wikipedia).  Lesen wir diese sehr allgemein gefasste Definition, fallen uns schnell Situationen ein, in denen frühere Jäger- und Sammlerpopulationen aggressives Verhalten einsetzen mussten: beim Erlegen von Beute. Beim Verteidigen der eigenen Sippe gegen eine andere Sippe oder wilde Tiere. Eventuell auch beim Sammeln pflanzlicher Nahrung, wenn Tiere als Konkurrenz vorkommen. Ressourcen mussen also gewonnen beziehungsweise verteidigt werden, gefährliche Situationen bewältigt.

Wir dagegen, spezifisch in Mittel- und Nordeuropa, leben ein Leben, was sich recht weit von dem ursprüglichen Verhalten der Jäger und Sammler entfernt hat. Das ist gleichzeitig gut und schlecht. Gut finden wir, dass wir nicht täglich mit Angriffen auf unser Leben rechnen müssen. Essen kann, muss aber nicht mehr gesammelt oder gejagt werden, und auf dem Weg zum Supermarkt fällt uns kein Säbelzähntiger in den Rücken. Körperliche Auseinandersetzungen als Konfliktlösung sind gesellschaftlich geächtet. Wir haben stattdessen ein institutionelles und gesellschaftliches Regelwerk geschaffen, das Möglichkeiten zur Konfliktlösung aller Art schafft.

Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch durch gesellschaftliche Evolution keine Aggression mehr ausleben möchte, die genetische Grundausstattung ist wohl noch immer eine ähnliche. Stattdessen werden wir zu häufig, wegen der gesellschaftlichen Ächtung von Aggresssion, dazu angehalten, entsprechende Verhaltensimpulse und Gefühle zu unterdrücken. Während ganz ursprünglich menschliches Verhalten in Gefahrensituationen von der Wahl “ fight or flight“ bestimmt war (kämpfe ich, oder laufe ich weg?), ist heute oft nichts von beidem möglich. Die nächste Schikane des Mitarbeiters, der mich mobbt, die nächste schwer nachvollziehbare Entscheidung des Chefs – all das wird unter Umständen als Gefahr wahrgenommen, die ich nicht oder nur schwer aktiv bekämpfen kann. Auch Weglaufen ist keine wirkliche Option. Egal, ob wir wütend oder aggressiv sind. In der Folge kann ein Gefühl der Machtlosigkeit auftreten, das zu chronischem Stress ausarten kann.

Aggressionen werden immer subtiler ausgelebt, indem zum Beispiel vorhandene Machtstrukturen oder Autoritätsverhältnisse schadhaft und unterdrückerisch genutzt werden. Damit werden die Grundideen gesellschaftlichen Zusammenlebens konterkariert.

Aggression ist ein fester Bestandteil der menschlichen Existenz und zu Unrecht negativ konnotiert. Es ist ungemein wichtig, dass wir Wege finden, unsere natürliche Aggression zielgerichtet auszuleben. Dazu sind gar keine Seminare nötig, in denen man Gruppenschreien übt. Viel sinnvoller ist, am besten von Kindesbeinen an, eine Sportroutine zu entwickeln. An Kindern sehen wir sehr stark den natürlichen Bewegungsdrang des Menschen, der oft im weiteren Verlauf des Lebens immer weiter unterdrückt wird. Auch ein Kräftemessen in Form von Rangeleien ist bei Kindern aller Kulturen (und auch bei jungen Tieren) zu beobachten. Dieses Kräftemessen stellt ein wichtiges Kulturgut der Körpererfahrung dar und wurde in quasi allen Kulturen weiter entwickelt zu einer ritualisierten Form des (Ring-)Kampfes. Diese Rituale sind in unserer hiesigen Gesellschaft aber verloren gegangen und finden nur noch im sportlichen Rahmen statt, der zudem oft kritisiert wird. Kinder, die heute toben und rangeln, werden nicht selten pathologisiert.

Nicht ausgelebte Aggression und unterdrückte Wut können sich nach Systematik der traditionell chinesischen Medizin in Störungen des Kuntionskreises Gallenblase/Leber äußern.

 

Der kluge Höhlenmensch rät:

  • Love it, change it or leave it: Situationen und Umstände, die dir  nicht behagen, solltest du ändern oder „verlassen“ können. Ist das nicht der Fall, denke darüber nach, ob sie dir schaden und finde eine Lösung (suche dir dafür vielleicht Hilfe).
  • Finde einen Weg, deine Aggression auszuleben. Sport ist gut geeignet, um sich auszupowern.
  • Probiere einen Kampfsport aus, um eine neue Körpererfahrung zu machen.
  • Reagiere nicht nur auf deine Umwelt, sondern handle aktiv und forme deine Welt

 

 

 

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