Mensch oder Maschine?

Die industrielle Revolution hat zusammen mit der Moderne und Entwicklungen der Postmoderne dazu geführt, dass die Welt in der wir leben immer stärker als form- und beherrschbar wahrgenommen wurde und wird. Die „Zähmung der Natur“ wurde im großen und ganzen als positiv und dem Fortschritt zuträglich angesehen. Im Zuge dieser Entwicklung hat sich auch das Körperbild in eine ähnliche Richtung entwickelt.

Technische Entwicklung und medizinischer Fortschritt gingen Hand in Hand, und die Behandlungsmethoden der Mediziner sowie das „neue“ Verständnis des menschlichen Körpers um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden auch mehr und mehr mechanistisch geprägt. Diese Sichtweise hat zusammen mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise, die auf Logik und Falsifizierbarkeit der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung basiert, zu großen Fortschritten im Bereich der Humanmedizin geführt. Gleichzeitig ging aber auch etwas verloren.

In früheren Gesundheitssystemen, auf deren Erkenntnisse wir heute noch Zugriff haben (ich denke vor allem an ayurvedische Medizin und traditionell chinesische Medizin) wurden Mensch, Krankheit und Gesundung immer als ganzheitlich angesehen. „Ganzheitlich“, ein Buzzword. Dennoch: immer spielte (und spielt) in diesen Systemen nicht nur die isoliert symptomatische Betrachtung und Therapie eines Phänomens eine Rolle, sondern mehr oder weniger: alles. Ernährung, Lebenswandel, Beziehungen zu anderen Menschen und so weiter. Das wird dem Menschen in seiner Menschlichkeit durchaus gerecht, lässt Verbesserungen und Justierungen auf vielen verschiedenen Ebenen zu.

Warum ist uns das zu einem bedeutenden Teil verloren gegangen? Zwei Stichworte spielen unter anderem eine Rolle: Differenzierung und Expertentum. Einfach gesagt hat sich unsere Gesellschaft – und somit die Wissenschaft auch – in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Es gibt die Humanmedizin, innerhalb welcher es wiederum Fachbereiche wie Orthopädie, Onkologie und so weiter gibt. Jeder der Entscheider dieser Bereiche durchläuft ein Bildungssystem, was ihn spezifisch vor allem für das Handeln in seinem Bereich vorbereitet. Vielleicht zusätzlich noch für den einen oder anderen Unterbereich, aber vereinfacht gesagt (und nicht zwingend so zutreffend): Der Orthopäde hat keine Ahnung von Ernährung. Experten in allen Bereichen haben also bereichsspezifisches Wissen, und zwar eine Menge davon, die Therapeuten der Ayurveda und der TCM wohl selten hatten. Dafür haben diese den Menschen viel eher als Gesamtheit von Körper, Geist und Seele im Blick.

Was nun besser ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Weder ist eine modern wissenschaftlich-medizinische Betrachtung per se besser, noch eine lange tradierte, ganzheitliche. Die Situation muss hier entscheiden. Bein gebrochen? Wahrschenlich ist die beste Option, sich das im Krankenhaus operieren zu lassen. Grübeleien und Schlaflosigkeit? Hier hilft vielleicht eher ein Therapeut, der das Leben des Patienten nicht mit den Scheuklappen einer bestimmten Disziplin betrachtet. Und: beides kann sich gegenseitig unterstützen. Heute ist die größte Herausfoderung für ein gutes Ergebnis (egal, in welchem Bereich des täglichen Lebens) die Kommunikation unter und Koordination von verschiedenen Experten. Im medizinischen Bereich ist das Negativbeispiel eine Odyssee von Arzt zu Arzt, wo jeder Experte nur seinen Bereich wertschätzt, nicht über den Tellerrand schauen kann. Ein Positivbeispiel wäre der Arzt, der sich die Zeit nimmt, sich mit den zuvor konsultierten Experten und dem Patienten auszutauschen, der offen ist für andere Herangehensweisen und auch an Therapeuten aus dem alternativmedizinischen Bereich verweist, wenn es indiziert ist. Da auch die Schulmedizin immer mehr die Sinnhaftigkeit von Elementen der TCM oder Ayurveda erkennt und anerkennt, gibt es solche positiven Beispiele der professionellen Demut glücklicher Weise immer häufiger.

Wir haben uns an eine weitgehend lineare, bereichs-spezifische Betrachtungsweise der Welt gewöhnt, nicht zuletzt, weil wir so sozialisiert, im Bildungssystem erzogen und von den Medien unterhalten werden. Kurz: wenn wir etwas erreichen wollen, denken wir linear. Wir sind im Zustand A, und etwas soll geschehen, damit wir möglichst schnell und geradlinig zum gewünschten Zustand B gelangen.

Wenn wir nun als Mensch etwas an uns selber als Menschen verändern wollen, ist das alles andere als eine lineare, alles andere als eine simple Angelegenheit. Der menschliche Körper ist so komplex, wie nur denkbar, und in der Ganzheit seiner Funktionen, Details und Abläufe noch längst nicht verstanden. Die verschiendenen wissenschaftlichen Disziplinen haben zwar beträchtlich zu diesem Verständnis beigetragen. Wir vergessen aber zu oft (weil es sich mit dem Selbstverständnis von Wissen und Beherrschbarkeit der Welt nicht vereinen lässt), dass wir sehr vieles nicht wissen. Vom Großen (was ist Schlaf eigentlich genau, was exakt passiert dort?) bis zum Kleinen (was passiert eigentlich wie genau im Zytoskelett der einzelnen Zelle?).

Der Körper wird zwar formbar, wir sehen das an Tattoos, Piercings, Schönheitsoperationen und so weiter, die allesamt mittlerweise gesellschaftlicher Mainstream sind. Aber sobald es ans Eingemachte geht, haben wir den Salat. Wir wollen einen athletischen Körper? Dann müssen wir viel beachten: passende Ernährung, passendes Training, passende Erholung. Patentrezepte werden verkauft wie Sand am Meer: Konzept X verspricht den Traumkörper und Gesundheit durch ketogene Ernährung (die Ernährungspläne kosten nur wenige 100 Euro), Konzept Y hat das revolutionärste Trainingskonzept aller Zeiten, und und und.

Schade nur, dass der Mensch nicht immer nach Patentrezept funktioniert. Das stark vertretene Doping unter Amateuren im Fitnessbereich erkläre ich mir unter anderem auch damit, dass zwischen gesellschaftlichem Druck, einer Ästhetik zu entsprechen, unzähligen verschiedenen „Expertenmeinungen“ zu den Themen Ernährung und Training sowie der eventuellen Unvereinbarkeit von perfekter Ernährung und Training mit Job, Familie und anderen gesellschaftlichen Rollen, das charakterlich nicht ganz so gefestigte Individuum zum einfachen Weg greift, also dopet.

Oder dieser Drang nach Optimierung. Es muss immer noch etwas mehr gehen, immer noch etwas besser sein. Blutuntersuchungen, Supplements, 50 Stunden Arbeit und trotzdem Ironman-Vorbereitung. Wer ist es, der den Drang schafft, so etwas zu tun? Das Individuum, oder die Gesellschaft?

Fakt ist, dass es bei vielen Patienten oder Trainingskunden nicht gut ankommt, wenn ich ihnen ehrlich sage, dass das Leben als Mensch, wie sie es führen, zu keinem guten Ergebnis führen kann. Ich formuliere es gern etwas netter. Jeder darf selber entscheiden, welchen Experten er glauben möchte. Leider sind wir faule Schweine, und das faule Schwein glaubt dem Experten, der die bequemste Lösung verspricht. Oftmals, nicht immer. Wenn die Basis von Bewegung und Ernährung nicht stimmt, gibt es kaum Aussicht auf Erfolg.

Schlimmer noch dieses Beispiel: ein kranker Mensch, der Hilfe braucht, hat offensichtlich so viel Stress, dass es nicht verwundert, dass er krank bleibt. Wenn aber an der Basis (Schlaf, Stressmanagement, auch hier also wieder Bewegung, Ernährung) nichts geändert wird… nun, die Zaubermedizin gibt es nicht.

In Problemsituationen bleibt uns nichts anderes, als uns als Mensch zu sehen und unserer Menschlichkeit auch gerecht zu werden – indem wir in allen Bereichen versuchen zu handeln. Keine Medizin, kein Supplement, kein Experte kann uns ein menschengerechtes Leben führen lassen, wenn wir es selber nicht ermöglichen. Oft gibt es leider auch keine schnelle Lösung. Dann tun wir gut daran, Schwäche und Fehler beziehungsweise Probleme zuzulassen und langsam, aber konstant ein „besserer Mensch“ zu werden. Manches ist nicht beherrschbar. Wir können nur versuchen, uns für alles, was kommt, zu wappnen.

Posted in Ernährung, Fitness, Gesundheit, TCM

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