Orthovivia Nervosa, oder der Zwang, gesund zu leben

Schon länger ist der populärwissenschaftliche Begriff der „Orthorexia Nervosa“ in Gebrauch, der die zwanghafte, übermäßige Beschäftigung mit dem Gesundheitsnutzen der eigenen Nahrung bezeichnen soll (auch wenn er wissenschaftlich nicht anerkannt wird).

Sicherlich kennen viele Leser den einen oder anderen Menschen im Freundes- oder Bekanntenkreis, auf den diese Beschreibung zutrifft. Ich behaupte, dass zwanghafte Beschäftigung mit gesundem Essen nicht das Ende der Fahnenstange ist. In Gesellschaftsgruppen, die sich (vor allem) über in ihren Augen gesunde Ernährung definieren (paleo, vegan, raw usw.), oder aber auch über Sport und Fitness, lassen sich immer mehr Tendenzen zu einer „Orthovivia Nervosa“ (von lat. vivere=leben) beobachten: einer übermäßigen und zwanghaften Beschäftigung mit einem gesunden Leben. Das macht also eigentlich auch schon jeden Orthoviviker zu einem Orthorektiker. Das ist auf eine gewisse Art und Weise paradox. Das Problem ist ein fehlendes Maßhalten.

Ich als Trainer und Therapeut kann nur bestätigen, dass vielen Menschen etwas mehr Beschäftigung mit Ernährung, Bewegung und im weiteren Sinne Gesundheit nicht schaden würde. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass es davon auch ein Zuviel gibt. So, wie man sagt, dass ehemalige Raucher zu den militantesten Nichtrauchern werden, beobachte ich häufig, dass gerade Individuen, die von einer unreflektierten, „ungesunden“ Lebensweise ohne viel Bewegung und mit zweifelhafter Ernährungsqualität zu einem teilweise aggressiv dogmatisch vermarkteten Lebensstil (paleo+Crossfit, vegan+PETA+Yoga usw.) konvertieren, kein Pardon mehr kennen und zum einen missionarische Züge entwickeln, zum anderen gegen die Ungläubigen in den Kreuzzug ziehen. Das ist die gesellschaftliche Dimension einer mit einer Sektierung zu vergleichenden Lebensstiländerung. Wie bei einer Sektierung passiert auch hier: die neue Peergroup wird zum vorherrschenden Referenzrahmen, Kontakte zu Menschen die nicht zu dieser Peergroup gehören werden gemieden, das eigene Dogma/Weltbild wird gepflegt, ebenso wie die bequeme Tatsache, dass man einen klaren Gegenpol hat: diejenigen, die anders sind, die nicht so „gesund“ oder „richtig“ Leben. Man muss also nicht erst in die Politik gehen, um eine „Leitkultur“ zu definieren und die anderen Auszugrenzen. Soweit dazu.

Werfen wir nun aber einen Blick auf das Individuum, herausgenommen aus der Bezugsgruppe. Sicherlich, die Ernährung spielt eine große Rolle, die Art der bevorzugten sportlichen Betätigung auch. Ich beginne, jetzt von der „Paleo-Szene“ zu sprechen, weil ich mich darin am besten auskenne und am ehesten wiederfinde. Wahrscheinlich finden sich aber Überschneidungen und/oder Equivalente auch in anderen Gruppen.

Da geht es dann um die Supplementierung mit diesem und jenem. Wir können da laienhaft herangehen oder auch biochemisch-semiprofessionell. Die Frage lautet: wie kann ich mich selber optimieren? Geht es nicht noch irgendwie besser? Vielleicht noch etwas von diesem Spurenelement, dieser Aminosäure und diesem Vitamin? Zur Sicherheit kann man dann noch regelmäßig Blutbilder anfertigen lassen, jetzt relativ neu auch mit Trockenblutanalyse von zu Hause aus. Das wird gerade zum Trend. Oder auch nicht. Oder gleich mit einer Genomanalyse, die selektiv von verschiedenen Gesichtspunkten aus untersucht, wo wir – schon wieder – noch Potential haben, zu optimieren. Wenn das geschafft ist, beschäftigen wir uns mit unserer Kälteanpassung, denn in jedem von uns steckt ein kleiner Wim. Soll ich kalt duschen? Baden? Zum nächsten Tümpel joggen (natürlich am besten barfuß) und hineinspringen, mir eine Regentonne in den Garten stellen oder, gerade saisonal verfügbar, im Schnee suhlen? Die Entscheidung ist gar nicht so leicht. Wir wissen nämlich, dass wir über diese so genannte Epigenetik NOCH gesünder werden können. Blöd, wer das nicht versucht.

Wie kommt das? Wie kommt es, dass wir uns so unglaublich viele Gedanken machen, den Drang haben, zu optimieren?

Ein kleiner Einschub: ich polemisiere ganz offensichtlich. Alles von dem, was ich oben genannt habe, kann unter bestimmten Umständen, bei bestimmten Individuen und/oder reflektiert eingesetzt sinnvoll sein. Was ist dann das Problem?

Das Problem ist, dass uns nicht auffällt, dass wir in einer Orthovivie unsere Ressourcen auch sehr schnell verschwenden können. Welche Ressourcen? Zeit. Aufmerksamkeit. Und Geld.

Zeit: Für wenige Menschen ist es leicht, sich durch einen Informationsdschungel im Internet und sonstwo zu kämpfen und mit einer klaren, bedachten und für sie richtigen Wahrheit aus dem Dschungel herauszutreten. Zum einen liegt das inhärent im Internet begründet – es hat keine Grenzen und so geht man, auch auf der Informationssuche, schnell verloren. Andererseits werden uns zahlreiche Ego-Fallen im Dschungel gestellt (siehe weiter oben im Artikel: Dogmen, Abgrenzungen).

Aufmerksamkeit: Unsere Aufmerksamkeit wird auf der Suche nach dem richtigen Leben fragmentiert. Das ist wichtig, das dort aber auch, hier wird noch etwas verlinkt, da ein Forum, hier ein Erfahrungsbericht (das klingt aber gut!), Bücher auch noch. Wir haben das Gefühl, ganz viel zu sehen auf dieser Suche, aber wissen tun wir letztlich wenig. Es kostet Mühe und die Routinen müssen erst einmal kompetent erlernt werden, zu einem Thema gezielt, tiefgehend und auch noch zeiteffektiv zu recherchieren und das Rechercheergebnis einzuordnen.

Geld: Hier ist wahrscheinlich am deutlichsten, was ich meine. Es wird vermarktet, was das Zeug hält. Crossfit, Yoga, vegane Fleischersatzprodukte, Paleo-Müslis und und und. Das bewegt sich alles in einem Preissegment, was eher am oberen Ende der Skala anzuordnen ist. Dazu wird dann noch die passende Mode und das entsprechende Lebensgefühl verkauft. Hier lässt sich am ehesten gegensteuern. Sport muss nicht viel kosten, jeder kann darüber hinaus nachdenken, ob er die Rehbock-Schuhe oder Luludingens Yogapants haben muss. Echte Nahrungsmittel vom Bauernmarkt sind oft weniger teuer als gelabelte Lifestyle-Lebensmittel (ich krieg immer noch große Augen wenn ich an den Preis des Paleo-Müslis von einem bekannten Müslimixer denke…).  Trockenblutanalysen kosten gar nicht einmal so wenig Geld. Es wird dann argumentiert, dass es immer noch teilweise günstiger ist, als die entsprechenden Werte vom Arzt/Labor auswerten zu lassen, und bequemer obendrein. Das mag schon sein. Aber wem fällt auf, dass hier bewusst ein Bedürfnis geschaffen wird? Das ist klassisches Marketing. Die Leute kaufen etwas, was sie glauben zu brauchen, was ihnen vorher aber gar nicht so bewusst war. Klar, manchmal kann das wirklich helfen und angebracht sein. Aber niemand braucht sich über Big Pharma zu beschweren und dann einen solchen Test als Lifestyle-Produkt kaufen. Macht euch doch die Mühe einen guten Arzt zu suchen, der einen weiten Horizont hat. Unter (Haus-)Ärzten ist der Anteil an dummen Ignoranten auch nicht höher als in anderen Berufsgruppen, es findet sich also wahrscheinlich einer, wenn man etwas Zeit und Mühe investiert, anstatt bequem vom Sofa aus zu konsumieren. Und ich weiß, dass zumindest auf einer der größen deutschen Paleo-Seiten ein Ärzteverzeichnis vorhanden ist. Zum Beispiel.

Die Orthovivie, ein vielschichtiges Phänomen. Wie leben wir gut, wie leben wir richtig, wie leben wir gesund?

Ein Schlussgedanke: die obigen Fragen haben sich schon antike griechische Philosophen gestellt, das Ergebnis waren unter anderem Diskurse über Ethik. Die vorherrschende Gesellschaftsform definiert natürlich auch, was in der Gesellschaft gedacht wird. Ich weiß leider gerade nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber ein Autor hat sinngemäß gesagt, dass im alten Griechenland eine Schönwetter-Gesellschaft entstanden ist, die, weil sie sonst nicht viele Probleme hatte, eine Demokratie und Ethik entwickeln konnte, um die Frage nach gut und richtig zu beantworten. Wir, als potentielle Orthoviviker, stellen uns diese Frage auch. Unser Gesellschaftsrahmen ist wirtschafts-, wachstums- und konsumzentriert. Egoismus wird gefördert. Und genau so beantworten wir die Fragen: ICH optimiere MICH, ICH werde besser, härter, gesünder, effektiver, produktiver und effizienter. Als Hilfsmittel, um das alles zu erreichen, wird gerne etwas gekauft.

Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere Leser motiviert wird, aus diesem Denkschema auszubrechen. Warum reden wir zur Beantwortung, was ein richtigtes Leben ist, eigentlich nicht über Nachhaltigkeit, Eigenverantwortung, Verantwortung für andere durch Konsum, oder Verzicht? Wer unbequeme Fragen stellt, wer Menschen auch einmal ihre eigenen Fehler aufzeigt, wer ein gesellschaftlich degeneriertes Verhalten spiegelt, der handelt im geschäftlichen Sinne nicht gerade clever – das lässt sich schlechter verkaufen als Ernährungspläne, Rezeptsammlungen oder Trainingspläne. Aber ist Geld eigentlich paleo? … Finden wir doch ein gesundes Maß!

Posted in Ernährung, Ethik, Fitness, Gesundheit, Moral, Nachhaltigkeit
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