Von Sinn und Zweck, Stress und Langeweile – Teil 1

In meiner Arbeit als Trainer und Therapeut werde ich immer wieder mit den Lebensentwürfen und Lebensstilen verschiedenster Menschen konfrontiert. Damit einhergehend lerne ich auch die Deutungsmuster kennen, die jeder meiner Kunden und Patienten für sein Leben hat. Diese Deutungsmuster sind es auch, die oftmals die größten Hindernisse für einen Trainings- oder Therapieerfolg darstellen.

Ein Deutungsmuster bildet sich im Laufe des Lebens durch primäre und sekundäre Sozialisation, also durch die Interaktion mit Erziehungsinstanzen und Institutionen sowie signifikanten Anderen, heraus. Die primäre Sozialisation findet vor allem durch die Interaktion mit den eigenen Eltern und der Familie statt. Die sekundäre Sozialisation wird in hohem Maße von Schule und sozialen Gruppierungen wie dem Sportverein oder der Vorstadtgang übernommen, immer stärker aber auch von den Massenmedien. Produkt dieses Prozesses sind bestimmte Arten und Weisen, sich und die Welt zu sehen und Ereignissen eine Bedeutung zu geben. So kann das Ergebnis zum Beispiel ein solcher Glaubenssatz sein: „Ich habe mein Wohlergehen selbst in der Hand. Wenn es mir schlecht geht, kann ich eigenverantwortlich Lösungen und Hilfe suchen. An Hindernissen und Problemen kann ich wachsen. Schmerzhafte und unbequeme Situationen führen oft zu meinem Wachstum.“  Ein Mensch mit diesen Gedanken wird vermutlich nie meine Dienste in Anspruch nehmen.

Mitglieder unserer Gesellschaft werden heute vor allem im Rahmen einer leistungsorientierten, kapitalistischen Marktwirtschaft sozialisiert. Das heißt, sie verinnerlichen durch die Interaktion mit ihren Eltern (die natürlich auch gesellschaftlich geprägt wurden) und anderen Institutionen Lebensansätze wie „stetiges Wachstum“ oder „mehr ist besser“. Konsum wird zum entscheidenden Element zur (Schein?-)Befriedigung von Bedürfnissen und zur Definition der eigenen Identität, zum Definitionsparadigma des eigenen Status innerhalb der Gesellschaft.

Gleichzeitig wird vielen Menschen gewahr, dass diese Fokussierung nicht unbedingt zu Zufriedenheit und Glücklichsein führt, ja dem sogar oft hindernd gegenübersteht. Zahlreiche Studien untermauern längst, dass Glück und Glücklichsein nicht linear mit Status und Vermögen wachsen.  Wer nur Karriere im Sinn hat, vernachlässigt häufig Familie, Freunde, soziale Bindungen. Wer immer nur sein Konto im Blick hat, vergisst, dass Dinge, die kurzfristig zu keiner quantifizierbaren Verbesserung führen und monetär „nichts bringen“, oftmals die schönsten Seiten des Lebens darstellen. Ein bewusst genossener Moment mit einer Person, die wichtig ist. Ein Anblick in der Natur, den man ein Leben lang nicht vergisst, weil er so schön war.

Stattdessen werden Dinge, die „nichts bringen“, immer noch häufig als wertlos angesehen. Die Folgen des Immerweiterimmermehr-Lebens sind  subjektiv empfundener und objektiv messbarer Stress. Nimmt nun jemand, der an diesem Stress körperlich oder seelisch leidet, Hilfe in Anspruch, tut er dies oft vor dem Hintergrund derselben Glaubenssätze, nach denen er bisher auch gelebt hat. Solch ein Glaubenssatz kann zum Beispiel lauten „Wenn ich ein Problem habe, suche ich mir jemanden, der sich damit auskennt, und lasse mir von ihm helfen.“

Kurz gesagt führt diese Konsummentalität in therapeutischen Dingen zu zahlreichen Problemen. Die Leugnung der Eigenverantwortung auf Seiten des Hilfesuchenden, die dieser im Therapieprozess hat, ist eines der größten. Dieses und weitere Probleme werde ich im nächsten Artikel darstellen und versuchen, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

 

 

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