Von Sinn und Zweck, Stress und Langeweile – Teil 2

„Zum Genuss gehört die Zweckfreiheit. Gerade das Zweckfreie ist in unserer verzweckten Zeit das Gesunde“, schreibt der Arzt Dietrich Grönemeyer in seinem Buch „Gesundheit“ (S.196).

Im letzten Artikel habe ich kurz dargestellt, wie eine reine „Zweck-Orientierung“ im Leben in Hinsicht auf Geld, Karriere oder Konsum zu Glaubenssätzen führen kann, die zur Bewältigung vielfältiger Probleme wenig hilfreich sind.

Zum Beispiel Klaus. Klaus ist ein fleißiger Mensch, arbeitet 40 Stunden pro Woche in einem Job, den er nicht wirklich mag, aber er braucht das Geld. Seine Wohnung in München bezahlt sich nicht von allein, und auch am schönen Leben in der Münchner Gesellschaft möchte er teilhaben. Seit einiger Zeit leidet unser Beispiel unter teilweise heftigen Rückenschmerzen und fühlt sich matt und abgeschlagen. Die Ärzte, die er bisher konsultiert hat, konnten ihm nicht oder nur kurzzeitig helfen. Inzwischen weiß er, dass die Rückenschmerzen nicht von Schäden an der Wirbelsäule herrühren – das lässt ihn allerdings nicht weniger darunter leiden. Einer der Ärzte meinte etwas von „psychosomatisch“, Klaus versuchte, das schnell wieder zu vergessen. Er ist doch nicht an der Psyche krank, das ist doch Unsinn.

Oftmals sind wir in unserem Leben so sehr eingebunden in die Strukturen, in die wir uns selber begeben haben, dass wir keine Distanz mehr herstellen können, um uns selber zu betrachten und zu überlegen, ob uns unser Leben gut tut. Wir leben es eben. Manchmal leben wir aber so, dass unser Beruf, unser soziales Umfeld oder andere Umstände Stress verursachen. Können wir auf diese Stresssituationen aktiv reagieren, sie ändern oder uns aus der Situation hinausbewegen, haben wir aus dem Stress etwas Positives gemacht. Nehmen wir das Übel aber gar nicht bewusst wahr oder haben das Gefühl, nichts daran ändern zu können, leiden wir unter negativem Stress. Einige der Folgen von chronischem, negativen Stress sind eine konstante Erhöhung von Stresshormonen im Blut (kann u.a. zu Schlafproblemen führen und den Stoffwechsel entgleisen lassen) oder teils schwere muskuläre Verspannungen. Achtsamkeit und eine heilsame Distanz zum eigenen Leben, um es reflektieren zu können, sind also notwendige Elemente einer möglichen Prävention von stressbedingten Erkrankungen.

Ist es aber schon zu einem Problem gekommen, hängt ein Therapieerfolg nicht nur von der Kompetenz des Therapeuten ab, sondern auch von der Einstellung und der Mitarbeit des Patienten. Viele gesundheitliche Probleme, insbesondere diejenigen mit psychosomatischer Komponente, sind (teils unbewusst) durch die Entscheidungen des Patienten entstanden und/oder beeinflusst. Klaus muss sich fragen „wie lebe ich eigentlich?“, „was in meinem Leben tut mir gut, was nicht?“, „ernähre ich mich gut?“, „bewege ich mich genug“? Klaus kann von einem Therapeuten symptomatische Hilfe bekommen, wenn er mit einer Konsumhaltung in die Therapeut-Patienten-Beziehung geht. An den Ursachen der Symptome kann er aber nur etwas ändern, wenn er mit dem Therapeuten zusammenarbeitet. Diese Zusammenarbeit ist ein vielschichtiger Prozess, der aus der Gabe von Medikamenten, der Implementierung verschiedener Therapiemethoden, Gesprächen und mehr besteht. Es geht schließlich darum, das eigene Leben besser zu begreifen und auf dieser Basis letztlich bessere Entscheidungen zu treffen – und somit das Leben zu genießen.

Im Optimalfall halten die Verbesserung der Lebensführung und das Treffen besserer Entscheidungen langfristig an. Oftmals fällt der Patient, nachdem die körperlichen Beschwerden verschwunden sind, wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Ob das geschieht oder nicht, ist letztlich eine Frage, wie achtsam das Leben geführt wird. Klaus wird sich schon Mühe geben müssen.

Im nächsten Artikel werde ich Wege aufzeigen, wie wir mehr Achtsamkeit und gute Entscheidungen in unser Leben integrieren können.

 

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