Warum alkoholfrei?

Ich werde kurz versuchen darzustellen, warum unreflektierter Alkoholkonsum meiner Meinung nach ein Symptom einer degenerierten Gesellschaft ist und in den wenigsten Fällen noch einen Genuss darstellt.

Ich werde an dieser Stelle nicht auf die gesundheitlichen Effekte von Alkohol eingehen. Hier zum Beispiel kann sich jeder ohne Probleme informieren. Auch der gesellschaftliche Schaden, der durch emotionale und charakterliche Aussetzer und Ausbrüche unter Alkoholeinfluss entsteht, wird dort noch einmal erörtert (und es finden sich sicherlich zahlreiche weitere Quellen).

Ich spreche auch jedem Menschen das Recht auf Rausch zu, grundsätzlich egal welcher Art. Wie ein Mensch mit sich und seinem Körper umgeht, ist seine eigene Entscheidung. Solange andere darunter nicht leiden.

Warum ist aber Alkohol so gesellschaftsfähig? Er entspannt? Ganz sicher – das tun aber andere Dinge auch (Sport, Sex, Meditation …). Er bedeutet Genuss, schmeckt gut? Auch das mag sein, aber auch hier gilt: unzählige andere Dinge bieten auch die Möglichkeit, differenziert zu genießen (grüner Tee beispielsweise bietet mehr Vielfalt in seinen Aromen als Wein).

Alkohol ist gesellschaftsfähig, weil er in die Kerbe eines fehlgeleiteten Lebens schlägt, und zwar in doppelter Hinsicht: er ermöglicht es, sich durch Konsum zu definieren, und macht es gleichzeitig einfacher, vor seinem von sich selbst entfremdeten Leben zu flüchten. Nie war es leichter, sich eine Identität zu erschaffen ohne etwas zu leisten, nur durch das Kaufen verschiedener identitätsstiftender Dinge, als heute. Und gleichzeitig waren die Menschen nie so entfremdet von sich selber, wie im Moment. Arbeit ist häufig nicht mehr sinnstiftend. Intime Beziehungen einzugehen, fällt immer schwerer in Angesicht der Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit der Gesellschaft. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Angst vor Terror, „den Anderen“, der Zukunft, dem Verlust des eigenen Wohlstandes getrieben ist. Das lässt eine mal mehr, mal weinger subtile Unzufriedenheit entstehen, die hervorragend durch Alkohol gestillt werden kann: er enthemmt, auch ein kleiner Geist kann sich mit ihm groß fühlen, und er lässt für eine Weile vergessen, dass wir häufig weglaufen.

Wer seinen Körper nicht fordert, wird nicht stark.

Wer seinen Geist nicht fordert, sondern lieber betäubt, bleibt schwach und unmündig.

Ich plädiere für Mut, ich plädiere für Gedanken, die auch unangenehm sein können, und ich plädiere dafür, dass sich jeder in unserer Gesellschaft öfter nüchtern den Ängsten, Problemen und schlechten Seiten, die ein Teil seines Lebens und seiner Gesellschaft sind, stellt.

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