Warum sehnen wir uns nach Ordnung?

Man kann sich gesellschaftliche Entwicklung historisch als Kreisbewegung vorstellen: eine Gesellschaft entsteht, kommt zur Blütezeit und vergeht meist auch wieder, früher oder später (wie von Jared Diamond spannend in „Kollaps“ beschrieben). Je weiter wir in der Menschheitsgeschichte zurückblicken, umso vereinzelter waren diese Kreise, umso weniger interagierten sie mit anderen Kreisen. Dann gab es in bestimmten Zeiträumen Hochkulturen mit schon beachtlichen Wechselwirkungen (Handel z.B.) mit anderen Kulturen, so zum Beispiel China, während im heutigen Europa noch Finsternis herrschte. Dann fand die bekannte europäische Geschichte statt: Aufklärung, Industrialisierung, Globalisierung usw. – kurz gesagt: heute besteht der Globus, um bei vorhin bemühten Bild zu bleiben, aus unzähligen Kreisen, die miteinander verwoben sind, ineinander übergehen, miteinander interagieren. Es hat wahrscheinlich noch nie eine Weltgesellschaft existiert, die so komplex war wie heute. Das ist der großgesellschaftliche Status.

Individuell gesehen überfordert das leicht und schnell: mehr Sinneseindrücke, als die Sinne sinnvoller Weise verarbeiten können. Jede Handlung, Konsumentscheidung, Bewegung hat unter Umständen Konsequenzen, derer wir uns bewusst werden. Medien machen auch den Großteil der Welt spürbar und präsent, der eigentlich nicht in unserem natürlichen Umfeld liegt, und mit ihm die Probleme und Dramen dort, freilich auch Inspirationen. Das ist ganz schön viel für ein kleines Individuum, und virtuelle Technologien, die gleichzeitig Chance sind und das Bewusstsein zusätzlich fragmentieren, den Einzelnen also von Konzentration ablenken, sind das Sahnehäubchen.

Es ist ein Hauptmerkmal des menschlichen Gehirns, aus Chaos Ordnung zu schaffen, wie auch einer der Hauptcharaktere von Jonathan Franzens aktuellem Roman „Unschuld“ kurz vor seinem Niedergang bemerkt. Komplexität und dennoch Ordnung sind überall in der Natur vorhanden, nur im Menschen werden sie sich aber selbst bewusst.

Daniel J. Siegel, Professor für Psychiatrie, vergleicht den menschlichen Geist (mind) mit der mathematischen Definition eines komplexen Systems:

  • Er kann Dinge außerhalb sich selbst beeinflussen
  • Er ist nicht-linear, das heißt, wenn man einen Gedanken „hineintut“, weiß man nicht, was herauskommt
  • Er organisiert sich selbst

Der letzte Punkt zeigt, dass, was auch intuitiv verständlich ist, sich unsere Gedanken und mentalen Interaktionen in eine gewisse Ordnung bringen. Funktioniert das nicht, bezeichnen wir das in der Regel als pathologisch und labeln es als Krankheit, was die Tatsache reflektiert, dass eine gewisse Integration (zumindest so weit, dass man „funktioniert“) sowohl in der Gesellschaft in Bezug auf ihre Individuen als auch im Geist in Bezug auf seine Inhalte wichtig ist.

Siegel geht so weit zu sagen, dass der Geist sich nicht in Gehirnaktivitäten erschöpft, sondern auch über die körperlichen Grenzen des Individuums hinausgeht, und zwar insofern, dass Gedanken und Konzepte der Realität nie ohne die Interaktion mit der individuellen Umwelt stattfinden können.

Gehirn, Mensch und Umwelt/Gesellschaft stehen also in konstanter Wechselwirkung miteinander, und innerhalb dieser Wechselwirkung entscheidet jedes Individuum, wie es funktionieren möchte. Viele Menschen erkennen in sich eine Sehnsucht nach weniger Komplexität, mehr Achtsamkeit und Struktur. Autoren wie Cal Newport bieten einige Lösungsansätze an, um etwas mehr Ordnung ins Chaos zu bringen.

Die Suche nach Ordnung ist also etwas zutiefst menschliches, ja sogar natürliches. Ohne ein aktives Gestalten der Suche müssen wir auf die am einfachsten verfügbaren Lösungsansätze, die die Gesellschaft anbietet, zurückgreifen. Bemühen wir unsere Gedanken etwas intensiver, machen wir uns etwas mündiger.

 

Literatur:

 

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