Weihnachten und Sucht

Weihnachten, Zeit der Besinnung? Von wegen!

Ob man nun mit einer religiösen Motivation oder ohne sie dem Ende des Jahres entgegengeht, an sich eignet sich diese Zeit gut dafür, geistig in sich einzukehren, zu reflektieren und zur Ruhe zu kommen. Auch in der Systematik der traditionell chinesischen Medizin ist der Winter die Jahreszeit der Versenkung, der Kontraktion, der Ruhe, bevor im Frühling das Leben langsam wieder aufblüht.

In meinem Privatleben und meiner Arbeit muss ich aber beobachten, dass für viele, wenn nicht die meisten, Menschen die Vorweihnachts- und Weihnachtszeit ein einziger Stressor sind. Termine über Termine, Geschenke einkaufen in überfüllten Fußgängerzonen, billiger Glühwein und übermäßig viel meist nicht allzu gesundes Essen scheinen diese Zeit zu prägen. Von überall her werden wir aufgefordert, zu konsumieren. Was die Weihnachtssüßigkeiten angeht, ist das schon seit September der Fall. Wenn man wirklich zur Ruhe kommen möchte, muss man schon aktiv meiden, in den Weihnachtstrubel zu geraten. Ich finde das kurios – die „Idee Weihnachten“ wird aktiv gesellschaftlich pervertiert. Wie kann das sein?

Ich behaupte, dass wir in einer Gesellschaft der Süchtigen leben. Zusätzlich zu den gängigen medizinischen Definitionen von Sucht, die jeder bei Interesse selber recherchieren kann, gibt es spannende, neuere Ansichten, was nun Sucht ist und wie sie entsteht.

Kurz gesagt, ist Sucht das Gegenteil von Verbundenheit. Wer kein Gefühl der Verbundenheit mit seinen Mitmenschen aufbauen kann, zeigt sich anfälliger für Suchtverhalten. Das ist interessant, weil es zum Beispiel auch erklären könnte, warum Opfer von psychischer und physischer Gewalt, die traumatisiert sind,  häufiger Suchtverhalten an den Tag legen als jene, die solche Erfahrungen nicht machen mussten.

Es wird uns von vornherein schon nicht einfach gemacht, überhaupt ein gesundes Verhältnis zu uns selbst aufzubauen. Kinder werden schon früh mit medialen Idealen optischer Natur und gesellschaftlichen Idealen wie Gewinnstreben und Karrieredenken (und somit Egoismus) konfrontiert. In elterlicher Erziehung, Kindergarten und Schule werden solche herrschenden Ideale häufig nur reproduziert und gestärkt, anstatt sie zu hinterfragen. Auf einer solchen Basis fällt es nicht leicht, verbundene Menschlichkeit zu leben. Das zeigt sich an der politischen Situation in vielen Ländern, das zeigt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen und das zeigt sich letztlich auch in den romantischen Beziehungen, die wir pflegen, in denen der Partner immer mehr als „menschliche Ware“ angesehen wird, die man shoppen, umtauschen und zurückgeben kann. Wenn wir in der Gesellschaft aber nur schwer lernen können, das menschliche Grundbedürfnis der Verbundenheit zu pflegen, brauchen wir Ersatzbefriedigungen. Und Ersatzbefriedigungen finden wir zahlreich und leicht: wir überfressen uns, betrinken uns, lassen uns von allen Seiten unterhalten (damit wir nicht selber denken müssen) und kaufen, kaufen, kaufen. In der Weihnachtszeit zeigt sich das deutlicher als in jeder anderen Zeit des Jahres.

Vielleicht macht vielen Menschen der Gedanke Angst, einmal zu reflektieren und innezuhalten. Zum Glück sind es nur wenige Meter zum nächsten Weihnachtsmarkt/ in die nächste Fußgängerzone/ zum Teller voller Weihnachtssüßigkeiten. Die Angst ist schnell betäubt…

Posted in Achtsamkeit, Ernährung, Gesundheit
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