Wir, die Elite…

Selektive Wahrnehmung ist etwas ganz normales: täglich werden wir von unzähligen Sinneseindrücken überflutet, so dass allein schon unser Gehirn auswählen muss, was bewusst sinnlich wahrgenommen wird und was zwar von den Sinnen aufgenommen, aber nicht bewusst wahrgenommen wird.

Selektive Wahrnehmung findet aber auch darüber hinaus in einem sozialen Kontext statt. Früher war (und auch heute ist noch zum Teil) die Wahl der Tageszeitung, des bevorzugten Fernsehsehsenders und so weiter auch selektive Wahrnehmung. Heute sind an die Stelle der „alten Medien“ vor allem das Internet und soziale Medien getreten.  Vor allem in den sozialen Netzwerken wie facebook bekommt der Nutzer hauptsächlich gefilterte Informationen angezeigt. Das führt dazu, dass zum Beispiel ein Mensch, der sich für eine LCHF (low carb high fat) Ernährung interessiert, auch häufig Links und Artikel zu diesem und verwandten Themen angezeigt und empfohlen bekommt – und weniger Themenkomplexe zu sehen bekommt, die seiner eigenen Interessenlage diametral entgegengesetzt sind.

Um nun beim genannten Beispiel zu bleiben, bekommt jemand, der sich LCHF ernährt und vielleicht noch einen bestimmten Sport treibt, mehr und mehr den Eindruck, dass sehr viele Menschen um ihn herum ähnliche Interessen haben. Er liest verwandte Artikel, stößt vielleicht noch auf den einen oder anderen Youtube-Kanal zum Thema und vernetzt sich mit Menschen, die kompatibel zu ihm sind. Was hierbei auch entsteht, ist, dass das Leben in gewisser Weise in einer Blase stattfindet. Der User kann sich in fast allen seiner täglichen Interaktionen, und zwar virtuell wie real, in seiner eigenen Interessensphäre bewegen. Das ist im Grunde genommen erst einmal kein Problem. Aber es kann problematisch werden. Zum Beispiel, wenn der Blick für die Realität außerhalb der eigenen Blase verloren geht. Nur, weil ich selber und die Menschen mit denen ich mich umgebe, gesundheitsbewusst sind, heißt das noch lange nicht, dass es sich um eine Strömung in der breiten Bevölkerung handelt.

Der sehr umfassende Bericht „Gesundheit in Deutschland 2015“ vom Robert Koch Institut (hier gratis zum Download) zeichnet, gerade was Maßnahmen der primären Prävention von Krankheiten angeht (ganz entscheidend hier sind regelmäßige Bewegung und eine „ausgewogene Ernährung“, wie es dort genannt wird), kein optimistisches Bild (ebd. 238ff.). Nur ein geringer Teil der Bevölkerung erfüllt das Maß an Bewegung, das von der WHO empfohlen wird – und dieses ist nicht gerade hoch angesetzt (ebd. 189 ff.). Zusätzlich nehmen Übergewicht und Fettleibigkeit weiterhin durch die Bevölkerung zu, was ein weiteres Zeichen für fehlende Bewegung und suboptimale Ernährung ist (ebd. 201 ff.). Übergewicht sowie mangelnde Bewegung sind wiederum Risikofaktoren für die Herausbildung eines Diabetes Typ2 – eine Erkrankung, die quer durch die Bevölkerung ebenfalls einen Anstieg verzeichnet (ebd. 60 ff.).

Jeder, der diesen Artikel hier liest, legt ein überdurchschnittlich hohes Interesse an Gesundheitsthemen an den Tag, das nicht repräsentativ für den Durchschnitt der Gesellschaft ist, das darf nicht vergessen werden. Schauen wir uns an, was alles dazu gehört, um sich nicht zuletzt mit Hilfe des Internets ein fundiertes Wissen zum Thema „Gesundheit“ anzueignen.

Die Verbreitung des Internet war einerseits ein großer Gewinn für die mündige Informationsbeschaffung der Benutzer, andererseits stellt sie vor große Herausforderungen. Wissenschaftliche Studien sind größtenteils kostenlos online verfügbar, zumindest als Zusammenfassung. Das ermöglicht das Hinterfragen von durch politische, gesellschaftliche oder edukative Instanzen vermittelten Aussagen und die Überprüfung von wissenschaftlichen Sachverhalten. Dazu muss aber zum einen das Englische als Lingua Franca der Wissenschaft tadellos beherrscht werden. Zum anderen müssen dem Benutzer die wissenschaftliche Arbeits- und Schreibweise sowie zum Beispiel Grundzüge der statistisch-mathematischen Analyse bekannt sein, um die verfügbaren Studien selber angemessen einordnen zu können. Das prädestiniert für diese Art der Recherche vor allem Akademiker und interessierte Laien mit überdurchschnittlicher Medien- und Sprachkompetenz. Damit fällt diese an der Basis ansetzende Informationsbeschaffung für einen wohl nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung bereits aus.

Eine andere Möglichkeit ist, für solche Informationen auf Angebote zurück zu greifen, die diese Arbeit bereits für den Konsumenten getan haben (tatsächlich oder vermeintlich). Hier fällt allein schon die Auswahl aus unzähligen Möglichkeiten von Anbietern in der Bandbreite von staatlich bis hin zu kommerziell schwer. Wiederum ist also eine Kompetenz gefragt, die Informationen, die vermittelt werden, einzuordnen. Alleine zu den Themen „Ernährung“ und „Sport“ finden sich unzählige Meinungen und Strömungen – von vegan bis paleo, von Nordic Walking bis HIIT. Wer hat Recht? Da sowohl Ernährung als auch Sport ein großes Geschäftsfeld sind, spielt die Frage von Recht oder Unrecht in der Auswahl der Anbieter oft keine Rolle, sondern unterwirft sich den Mechanismen von Marketing und Werbung. Somit ist es bis zu einem gewissen Grad „Glückssache“, ob man an ein fundiertes, wissenschaftlich sinnvolles Angebot gerät oder nicht.

Ich halte fest: Es braucht eine nicht unbeträchtliche Kompetenz, um kluge und gute (im Sinne von wissenschaftlich fundiert und geeignet für die individuelle Situation) Gesundheitsentscheidungen zu treffen, zum Beispiel in den Bereichen Ernährung und Sport/Bewegung.

Gesamtgesellschaftlich handelt es sich bei uns, also bei den Menschen, die sich selbständig und kompetent im Internet und an anderen Stellen über Gesundheitsthemen informieren, um eine Minderheit, die wahrscheinlich auf das Gesamtbild keinen allzu großen Einfluss hat. Somit ist unser Verhalten und unser Bewusstsein, sind wir selber sicherlich „elitär“ (im Wortsinne: überdurchschnittlich qualifizierte Personen im Bereich „Gesundheit“). Alle, die nicht das Glück oder die Kompetenz besitzen, zu diesem elitären Kreis dazu zu gehören, zehren von dem, was sie erstens aus der Bildung und der Sozialisation mitgenommen haben und zweitens sowie später von dem, was medial vermittelt wird.

In der Sozialisation spielen vor allem die Eltern und Peergroups als Vorbilder eine große Rolle, weiterhin das, was in Kindergarten und Schule zum Beispiel über die Themen Bewegung und Ernährung vermittelt wird – und das ist geradezu lächerlich wenig. Bezüglich der Ernährung gelten hier nach wie vor leider die Leitlinien der DGE, die wissenschaftlich überholt sind (mehr dazu, wie es in anderen Ländern auch besser geht, in einem späteren Artikel). In der Gewichtung von Bewegungserziehung, also in anderen Worten Sportunterricht, liegt ein weiteres Problem – es sind in der Regel einfach zu wenige Sportstunden, um die oftmals mangelnde Bewegung in der Freizeit der Kinder und Jugendlichen auszugleichen. In Bayern ist momentan eine Doppelstunde Sport pro Woche Standard, einige Schulen stocken aus Eigeninitiative auf zwei Doppelstunden auf.

Somit wird institutionell bis hin zum Jugendalter nicht viel geleistet, um die Kompetenz der Individuen auszubilden. Das liegt also zum einen mehr in den Händen der Eltern (und Peergroups), wo es wiederum eine Ungleichheit der Kompetenz getrennt nach sozioökonomischem Status gibt (ebd. 148ff.). Zum anderen macht eine solche „fachliche Leere“ natürlich kritikloser gegenüber kommerziellen Angeboten, die omnipräsent sind (Fernseh- und sonstige Werbung für ungesunde Lebensmittel, kommerzielle Anbieter von Ernährungsplänen, Diäten und so weiter, Bewegungs- und Sporttrends, die unter Umständen nicht geeignet sind für das Individuum). Staatliche Förderung von primären Präventionsmaßnahmen wie Ernährungsschulungen oder Bewegungsprogramme finden in (auch finanziell) zu geringem Maße statt, sind häufig unkoordiniert und  nicht wissenschaftlich  fundiert (ebd. 288 ff.)). Das ist ein großes Problem, nicht zuletzt politischer Natur. Somit übernehmen diverse andere Akteure diese eigentliche Aufgabe eines Sozialstaates zu einem großen Teil – was zu einem guten, aber auch zu einem schlechten Ergebnis führen kann. Je nachdem, woran man als Konsument gerät.

Fazit: wissenschaftlich fundiertes Gesundheitsbewusstsein (betrachtet in diesem Artikel vor allem im Bezug auf Ernährung und Bewegung/Sport) ist in der Tat insofern elitär, dass der Großteil der Bevölkerung zu einer Herausbildung eines solchen nicht in der Lage ist. Die Ursachen dafür sind teilweise auch politischer beziehungsweise wirtschaftlicher Natur. Letztlich müssen auf dieser Ebene große Schritte gemacht werden, um eine gesamtgesellschaftliche Verbesserung zu erzielen. Im Kleinen ist das (auch ehrenamtliche) Engagement von Bürgern gefordert, die oftmals in ihrer Freizeit einen Unterschied machen können oder versuchen können, eine Vision zu verwirklichen.

 

Hier noch einmal der Link zum Bericht „Gesundheit in Deutschland 2015“.

 

 

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