Zu viel Wachstum, oder was Körper und Gesellschaft verbindet

Über das Jahr 2016 habe ich mich viel mit den Themen Nachhaltigkeit, Ökologie und Wachstum beschäftigt. Unter anderem habe ich zwei sehr gute Bücher von Harald Lesch und Yuval Noah Harari gelesen, die die Geschichte der Menschheit und die aktuelle Situation beleuchten und kritisch reflektieren.

Das Leben besteht, scheint es mir, aus unzähligen Analogien, und so sind mir einige Gedanken gekommen, wie sich die gesellschaftliche Entwicklung seit der neolithischen Revolution (Sesshaftwerdung) des Menschen mit einer individiuellen, körperlichen Entwicklung eines Menschen vergleichen lässt.

Für viele der Probleme, mit denen sich unsere heutige Gesellschaft beschäftigen muss, wurden schon vor Jahrhunderten die Weichen gestellt. Die Sesshaftwerdung des Menschen und der Beginn der Agrikultur begünstigten die Bildung von immer größeren Gruppen (später Städten) und waren das Fundament für das Entstehen dessen, was wir unter Kultur verstehen. Eben jene Kultur, die heute nachvollziehbare und weniger nachvollziehbare Blüten treibt. In dieser Kultur hat sich Jahrtausende nach der neolithischen Revolution der „Paleo-Lifestyle“ entwickelt. Der geht davon aus, dass die Menschen vor der neolithischen Revolution Lebensumstände vorgefunden haben, die notgedrungen das beste aus ihrem Körper herausgeholt haben, was möglich war. Die wenigen Untersuchungen, die an Funden aus dieser Zeit gemacht wurden, legen nahe, dass die damaligen Körper von natürlicher Athletik und großer Kraft waren. Es waren Körper, die dem damaligen Menschen alles geboten haben, was er zum Überleben gebraucht hat.

Je moderner und weiter entwickelt dann folgende Gesellschaften wurden, umso mehr haben sie sich und ihren Einfluss ausgedehnt. Immer mehr Ressourcen wurden an zentraler Stelle (den Räumen, wo sich viele Menschen ballten) benötigt und verbraucht. Solche Gesellschaften machten unter anderem auch Arbeitsteilung möglich. Sie machten es auch möglich, dass der Körper der Mitglieder der Gesellschaft sich nicht mehr nach dem Überleben in der Natur richten musste. Bürokraten mussten nicht mehr stark oder schnell sein, sie konnten auch ohne das ihre Arbeit verrichten. Parallel bildete sich (zum Beispiel im römischen Reich oder dem alten Griechenland) die „Klasse“ der Athleten heraus, die körperliche Leistung ritualisiert kultivierten.

Inzwischen hat sich unsere Gesellschaft maximal ausgedehnt in Form einer schnell entstandenen Globalisierung. Um unsere westliche, konsumorientierte Gesellschaft funktionieren zu lassen, brauchen und verbrauchen wir immer mehr Ressourcen. Sogar zu viele, als dass das noch lange gut gehen kann. Die Folgen sind sichtbar an Artensterben, Klimawandel und Umweltzerstörung. Ähnlich ginge es ja dem Körper eines Bodybuilders, der immer weiter wachsen möchte. Bis zu einem gewissen grad ist das unter Opfern und mit Disziplin auf natürlichem Wege möglich. Das kostet ohnehin schon viele Ressourcen (Zeit, Disziplin, Kraft usw). Soll der Körper noch weiter wachsen, kann zu Doping gegriffen werden, die Wachstum noch weiter ermöglicht, dem Körper aber auch schaden kann und mit seinen natürlichen Grenzen nichts mehr zu tun hat.

Gesamtgesellschaftlich verhalten wir uns wie ein verrückt gewordener Bodybuilder auf Steroiden: immer mehr, immer größer, immer Wachstum. Was in ein paar Jahren ist, ist egal. Individuell ist der Bodybuilder damit ein bezeichnendes Produkt der Gesellschaft, in der er lebt. Richtet er sich zu Grunde, betrifft das aber nur ihn und wenige Menschen, die ihm nahestehen. Richtet sich eine Gesellschaft zu Grunde, die über ihre Verhältnisse wachsen will, betrifft das alle. Uns alle.

Posted in Ethik, Nachhaltigkeit, Natur, Primal
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